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Standpunkte (Juni 2009)

Standpunkt - Armin Soyka, Juni 2009

Was sind Standpunkte? Eine triviale Frage - wenn wir uns das Wort anschauen merken wir schnell: Es handelt sich um Punkte, auf denen wir stehen. Wir stehen auf diesen Punkten meist mit gutem Grund. Wir haben Erfahrungen gesammelt, geredet, gelernt, beobachtet, reflektiert, diskutiert und sind auf dieser Reise an einen Punkt gekommen, an dem wir mit gutem Gewissen sagen: Hier, genau hier stehe ich, das ist mein Standpunkt.

Jeder von uns hat Standpunkte, allzuoft vergessen wir (alle) aber leider, dass Standpunkte nur Jetztzustände darstellen (können) und niemals bindend sein sollten. Sie sind lediglich das Resulat einer mal längeren, mal kürzeren Reise (unser Lebensweg) und wahnsinnig flexibel. Erfahrungen, Menschen und Ideen prägen uns, machen uns zu dem, was wir sind, aber es wäre töricht zu vergessen, dass wir jeden Tag neu Dinge sehen, lernen, erfahren, fühlen, merken, denken, spüren, hören und dass uns logischer Weise auch diese Eindrücke verändern, unsere Standpunkte ein Stückchen verändern – und ab und zu auch radikal, von einer Sekunde auf die andere. Jeder von uns hat Standpunkte und jeder ändert sie.

Jeder Mensch ist progressiv und konservativ

Sogesehen folgt jeder Mensch zumindest zu gewissem Anteil einer progressiven Ideologie. Jeder Mensch hinterfragt zumindest gewisse Dinge manchmal und selbst wenn er es nicht wissentlich tut oder nicht zugeben will, so adaptiert er sein Verhalten zumindest ein bisschen sobald er neue Erfahrungen sammelt. Anders wäre das Leben und vor allem Lernen gar nicht vorstellbar. Die große Aufgabe im Leben ist nun zu wählen wie progressiv / konservativ jede / jeder von uns sein/ihr Leben leben möchte. Die beiden Extreme sind jeweils für sich nicht zu gebrauchen. Wer alles immer hinterfragt wird zu wenig anderem im Leben kommen. Und wer niemals nichts hinterfragt und ändert wird ein sehr eintöniges, langweiliges und unbefriedigendes Leben führen. Wie heißt es so schön: „Zu wenig und zu viel – ist aller Narren Ziel“. Wie also wählen?

Wie also wählen?

Wenn wir von Standpunkten sprechen signalisieren wir bereits, dass wir uns bewusst sind, dass diese sich ändern werden, dass diese änderlich sind und dass das auch in unserem Interesse ist. Wir sind uns unserer Fehlbarkeit bewusst, anstatt sie zu verdrängen und unsere Kraft darauf zu verwenden nicht zu handeln, nicht zu gestalten, nicht zu verändern.

Diese Kritikfähigkeit sehe ich als die große Qualität und den großen Vorzug einer deutlich progressiv-geprägten Geisteshaltung. Konservativdenkende Menschen verweigern sich oft Grundsatzdiskussionen und sind nicht oder eher nicht bereit ihre Meinung zu ändern.

Seine Meinung zu ändern ist (für mich) ein Zeichen von Größe und einer kritischen, hinterfragenden, aufgeklärten Lebenseinstellung, nicht aber, wie oft argumentiert wird, ein Symbol für Weichheit, Unwissenheit, Dummheit, Unzuverlässigkeit oder Führungsschwäche.

Auch hört man oft das Argument, dass das schon immer so gewesen sei, aber genau hier liegt der grundlegende Fehler: Dinge, die so sind wie sie sind, sind nicht so weil sie schon immer so waren, sondern weil sie ständig hinterfragt wurden, einem gesellschaftlichen Wandel unterlagen und als die besten der besten ausselektiert ausgewählt wurden. Goethe und Schiller waren nicht die einzigen Schriftsteller der damaligen Zeit, vielmehr wurden sie über Jahrhunderte als die zwei der besten Vertreter auserwählt.

Standpunkte statt Standstatuen zu haben, sich zu ihnen zu bekennen und sie zu ändern ist ein Bekenntnis zu einem progressiven Lebensstil. Er bedingt die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen und offen zu sein für neues, was aber nicht heißt, dass alles „alte“ und konventionelle schlecht ist. Ganz im Gegenteil.

Wer Ideen hinterfragt ist der bessere „Bewahrer“ (Konservative)

Ideen, die alt sind, haben sich in der Vergangenheit meist mit gutem Grund bewährt, aber sie haben das nur, weil sie ständig hinterfragt, überprüft und adaptiert wurden. Hätten wir die guten Ideen früherer Generationen und anderer Zeitalter einfach unhinterfragt übernommen, wären wir zum Beispiel in einer Demokratie ohne Frauen- (und Sklaven-) Wahlrecht gelandet, hätten Autos ohne Sicherheitsgurte oder würden Bücher immer noch per Hand setzen. Nur progressive Geisteshaltungen haben in der Vergangenheit (Weiter)entwicklungen (wie die Aufklärung oder jegliche Form des technischen Fortschritts) ermöglicht, denn nur der ständige Diskurs führt zu Erneuerungen. Es hat in der Vergangenheit zwar viele Versuche gegeben, konservativ zu handeln – langfristigen Erfolg hatte aber nur das progressive Ideal. Als progressiver Mensch bin ich (theoretisch) immer bereit, mich auch mit meinen grundlegendsten Werten und Standpunkten (Partizipation, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit usw.) neu auseinanderzusetzen und mich zu fragen: Ist das noch gut genug? Gibt es bereits bessere Ansätze? Habe ich eine wichtige Entwicklung verschlafen? Oder überhaupt, habe ich etwas Grundlegendes übersehen und sind meine Ansichten unter Berücksichtigung dieser Punkte überhaupt tragbar?

Es sollte Spaß machen, auch mal falsch zu liegen

Das (für mich) schönste und befreiendste am Standpunktdenken ist, dass ich niemals Angst haben muss, falsch zu liegen, weil mir das im Vorhinein schon bewusst ist und ich nur darauf warte, dass jemand wie du daherkommt und mir ein gutes Argument liefert und mir die Augen öffnet, sodass ich auf meinem Lebensweg einen Schritt machen kann und bei einem neuen Standpunkt ankomme. Natürlich ist es mühevoller, sich ständig weiter entwickeln (zu wollen) und von Punkt zu Punkt weiterzuhangeln, als ewig auf einem Sockel zu hocken, aber ist nicht all das wirklich Schöne im Leben zumindest ein bisschen anstrengend und unter anderem genau deswegen schön (Beziehungen, Sprachen, Sport, Lesen,...)?

Mir macht es Spaß zu hinterfragen, mir macht es Spaß zu denken, mir macht es Spaß mit anderen über meine Gedanken zu diskutieren und es macht mir Spaß falsch zu liegen. Seit mir das bewusst ist ist mein Leben deutlich angstfreier, lockerer und lebenswerter geworden ist.

So progressiv wie möglich, so konservativ wie nötig – damit fahre ich recht gut.

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Armin Soyka  ·  armin.soyka@gmx.at