Zweiter Tag, Zweiter Einblick – Venedig
Wenn man in ferne Länder zieht, sieht man viel Neues. Je weiter man geht, desto mehr ist anders. Je länger man bleibt, desto besser versteht man. Je offener man ist, desto mehr kann man mitnehmen.
Auch wenn ich mich als relativ offenen und progressiven Menschen bezeichnen würde, ist meine Erfahrung, dass ich, wenn ich an neue Orte komme, zwar viel Neues sehe, das wenigste aber wirklich positiv oder nachahmenswert finde. Ich denke, das kommt daher, dass ich in dem 6. reichsten Land der Welt lebe. Natürlich gibt es vieles zu verbessern. Visionen und Ideen gibt es genug. Um aber auch auf dem Boden der Realität zu bleiben: Wir sind reich, gebildet und gesund. Es gibt Aufstiegschancen (für die Meisten) und wir haben schönes Wetter. Unsere Wirtschaft boomt zwar nicht, es geht ihr und uns aber ganz gut. Ich bin im Überfluss (an materiellen und immateriellen Gütern) aufgewachsen. Hunger, Armut oder Angst habe ich nicht mal im Fernsehen kennengelernt (das durfte ich nicht sehen). Einige Beispiele habe ich eh schon gestern angeführt. Hier eine Erweiterung.
Sicherheit. Im letzten Jahr war ich viermal im Ausland. Lissabon, Schottland, Frankreich (Bretagne und Paris) und jetzt Venedig habe ich einen Besuch abgestattet. An allen vier Orten ist mir aufgefallen, wie videoüberwacht all diese Länder sind. Schottland war extrem. Dort gibt es wirklich an jedem öffentlichen Platz, in jeder U-Bahn und allen Supermärkten Überwachungskameras. Paris war auch unangenehm, Lissabon ebenso. Venedig kann zwar keine dieser drei Städte toppen, aber auch hier findet sich jeder, der genau schaut, alle paar Ecken von einer Videokamera erfasst. Ich mag das nicht. Mir ist das unangenehm. Dafür gibt es mehrere Gründe und keiner davon hat etwas damit zu tun, dass ich etwas zu verstecken hätte (außer mein Privatleben!), aber keinen werde ich hier erklären. Aus dem Konzept brachte mich die Frage einer Mitschülerin, mit der ich darüber diskutierte, was sie denn dagegen tun solle/könne, dass Menschen Kameras aufstellen. Ich konnte ihr keine wirkliche Antwort geben. Was soll sie dagegen tun, dass PolitikerInnen beschließen ihrem Volk Angst zu machen, Geschäftsleute sich ausrechnen, dass mit Überwachungsmaßnahmen Profit zu machen sei, oder dass Individuen dann den vorgegeben Ängsten erliegen, ohne ihr ganzes Leben der Thematik zu widmen. Also habe ich nachgedacht und ich bin auf vier Punkte gekommen:
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Beobachten und Problem beschreiben.
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Sich über das Problem informieren.
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Mulitiplikator sein: Mitbestimmen, wie die öffentliche Meinung ist. Diskutieren und auf Probleme hinweisen.
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Eingreifen: Wahl treffen und zivilcouragiert Handeln.
Diese vier Punkte lassen sich, denke ich, mit relativ wenig Zeitaufwand, auf alle gesellschaftlich relevanten Problemstellungen anwenden. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Faschismus. Wer sich übrigens fragt, was mit den ganzen aufgenommenen Bildern passiert, kann sich ja mal das hier durchlesen. Durcheinandergebracht hat mich noch die Frage, was die optimale Grenze zwischen Sicherheit und Freiheit ist. Die Antwort ist sehr umfangreich, daher auch jetzt nicht mehr dazu als, dass es für eine möglichst optimale Mischung kritische, solidarische, zivilcouragierte und informierte Menschen braucht.
Werbung. Venedig ist die absolute Kommerzialisierung. Egal ob Mistkübel, Gebäudefassaden oder Brücken. Alles ist vollgekleistert mit Parfum, Unterwäsche oder Eventwerbung. Schön ist das nicht mehr. Aber wenn’s an Geld fehlt? Es ist eine Verschandelung des öffentlichen Raums. Letztens habe ich gelesen, dass jeder Amerikaner pro Tag mit 2000 Werbebotschaften konfrontiert wird. Pharmakonzerne geben mittlerweile mehr Geld für Werbung als für Forschung aus. Schlimm eigentlich. Wenn man sich überlegt, dass all das Geld, das in Manipulation und Marktforschung der Kunden fließt, in Produktentwicklung gesteckt werden könnte. Aber als unmündige Bürger sind wir einfach leicht für dumm zu verkaufen. Was mich zum nächsten Punkt führt.
Studieren. Gespräche mit meinen beiden Begleitprofessoren haben mich in meiner Überzeugung bestärkt. Die Forderung der Audimaxbesetzung sind absolut berechtigt. Bildung statt Ausbildung zu fordern macht absolut Sinn. Durch Ausbildung will man etwas (gegen Bezahlung) für andere zu tun. Das heißt man ordnet sich (dem Kapitaleigner) unter, macht sich unmündig. Bildung hingegen heißt etwas für sich selbst zu tun. Man könnte auch von Mündig-werdung sprechen. Gebildete Menschen sind kritisch, sie lassen sich nicht für dumm verkaufen. Es ist eine Frage der Selbstbestimmung. Wenn ich höre, wie und was studieren vor 30 Jahren war, dann greife ich mir an den Kopf und frage mich, wie es jemals zu einer solchen Einschränkungen (Stichwort Verschulung, Verantwortungs der Möglichkeiten der Studierenden kommen konnte. Sparen? Für wen!?
Referat. Im Zuge unseres Besuchs muss jeder einen kleinen Vortrag halten. Mir kam dabei das Thema „politische Situation Italiens“ zu. Ich möchte hier nicht von Italiens Politischer Gliederung erzählen (20 Regionen, 109 Provinzen, 8101 Gemeinden). Ich möchte auch nicht erzählen, dass Italien 1861 ein souveränes Königreich wurde, oder 1920 Mussolini an die Macht kam. Dass Italien 1946 per Volksreferendum eine parlamentarische Republik wurde oder 1949 der Nato, 1953 der EG oder 1955 der UN beitrat. Oder momentan ein gewisser Faschist namens Berlusconi an der Macht ist. Das sind alles langweilige Daten und Fakten. Was ich spannend fand war eine Zahl. In Venedig leben etwa 60.000 Menschen. Das ist etwa halb soviel wie Linz.
Handwerk. Heute durfte ich einmal mehr das geschäftige Treiben auf Calles, Campos und Piazzas beobachten. Hier sind viel mehr Handwerker unterwegs als in Wien. Straßenarbeiter, Müllmänner, Postler oder Transportdienstleiter. Ich finde das sehr ansprechend. Und ich bin damit nicht alleine. Dass das nicht auf Freiwilligkeit beruht (wie in einem Kommentar zum gestrigen Aritkel angesprochen), ist sicher richtig. Die Infrastruktur ist wirklich grotten schlecht.
Jugendliche. Auf so einer Klassenfahrt hat man mehr Möglichkeiten als sonst sich näher zu kommen und einander mit Fragen zu nerven. Auch hier gilt wieder: Jugendliche in meinem Umfeld gehören keiner konsumorientierten unkritischen Genussgesellschaft an. Themen über die ich bisher Diskutiert habe: Sicherheit, Gott, Liebe, Vertrauen, Zukunft, Studium, Ausbildung, Politik, Lachen, Verdrängung, Bedürfnisse / Motivation, Partizipation / Demokartie. Nur um das im Kopf zu behalten: Die sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung wird sich irgendwann selbst erfüllen. Hören wir rechtzeitig auf der Jugend Desinteresse, Monotonie und Langweile zu unterstellen – sonst wird es noch Realität!
Liste: Was Wien von Venedig lernen sollte. (wird erweitert.)
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Endlich rauchfreie Lokale.
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Einkaufen als Erlebnis. Viele Klein- und Einmanngeschäfte.
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Ruhe in Wiens Lebendigkeit bringen.
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Mehr Handwerker auf die Straßen.
Wofür ich dankbar werde:
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Grün. Wien hat Bäume, Wiesen und Parks, Venedig nicht!
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Relativ Billig. Ich habe heute über 20 Euro für Verpflegung ausgeben müssen.
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Das großartige (und kostengünstige) Angebot der Öffis.
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Die relative Freiheit nicht auf Schritt und Tritt überwacht zu werden.