Weihnachten kopfstehen lassen
Je mehr Festtage an mich herangetragen werden, desto nachdenklicher werde ich. Das war letztes Weihnachten so, mein Geburtstag verunsicherte mich genauso wie X-mas in diesem Jahr und ich frage mich: »Welches Weihnachten will ich?« oder eigentlich »Welches Weihnachten wollen wir?« Feste und Weihnachten im Speziellen erzeugen in mir ein unwohles Gefühl, der Ursache bin ich noch auf der Spur.
Was ist Weihnachten?
Eigentlich ist die Sache ja ganz einfach. Weihnachten – Freude – Geschenke – Kekse – und im besten Fall auch noch Schnee. Aber ganz so einfach ist es dann ja doch wieder nicht. Zu Weihnachten wird Jesu Geburt gefeiert, denkt man, bis man sich genauer informiert. Eigentlich wurde das Datum von den Römern übernommen, die am 25. Dezember das Erstarken der Sonne, die längerwerdenden Tage und ihren Sonnengott Sol Invictus feierten und beschenkten. Der Tag wurde von den Christen nur übernommen. Die Idee Weihnachten ist es also nicht wirklich, Jesu Geburt zu feiern, sondern das, was dahinter steht. Die Werte, Ideen und Visionen: Nächstenliebe, Respekt, Vergebung. Aber wie die Christen von den Heiden das Datum übernahmen, so hat auch die nächste bestimmende Kraft das Fest als Anlass genommen, sich selbst zu profilieren. Der Konsum hat sich des Weihnachtsfests angenommen und verdrängt die anderen Inhalte. Jahr für Jahr erwartet »der Handel« neue Rekordumsätze, Amazon verlängert die Umtauschgarantie um weitere dreißig Tage und Weihnachtskekse in Plastikdosen werden Anfang Oktober in diversen Supermärkten angeboten. Die Straßen sind gerammelt voll und nach dem Heiligen Abend sind die Geldbeutel leer. Ausnahme sind hier die Jugendlichen. Deren Eltern und Verwandte haben nämlich im ganzen Stress keine Zeit mehr und verschenken lieber Geld – in einer Zeit, in der Jugendlichen eingehämmert wird, nur Geld sei gut und Geiz sei geil, scheint das oberflächlich-nett, aber geliebt fühl ich mich da nicht wirklich.
Was für ein Weihnachten wollen wir?
Geht’s um Kommerz und Konsum? Oder um Liebe und Licht, Familie und Freude? Lässt sich das verbinden? Und wenn ja, wie? Ich habe dieser Tage etwas sehr Grundlegendes über mich gelernt. Mir wurde bewusst, dass ich den Ist-Zustand sehe und dazu tendiere, diesen erst einmal schlechtzureden. Schlechter, als er ist. Ich sehne mich nach dem totalen Gegenteil, der Antithese. Ich suche sie und erst, wenn ich sie gefunden habe und merke, dass es so dann auch wieder nicht so toll ist, mache ich mich auf den Weg zurück zur Synthese – der perfekten Mitte zwischen These und Antithese.
Die These
Mein Eindruck vom Ist-Zustand ist, dass es praktisch ausschließlich um Konsum geht. Vier Monate vor »dem Fest« beginnen Geschäfte Weihnachtsdekoration zu verkaufen und diverses anderes Weihnachtszeug. Zwei Monate vorher beginnen die Weihnachtslieder aus den Radios zu klingen, es werden Prognosen über Kauffreudigkeit ausgegeben, Trendfarben und -spiele werden gesucht und beworben, die Straßenzüge werden mit LED-Lichtern weihnachtlich geschmückt. Der nächste Schub »Weihnachtsstimmung« kommt etwa einen Monat vorher. Die Adventkränze beginnen zu brennen, Adventkalender werden aufgebrochen, die Weihnachtsmärkte machen auf, die Punschsaison ist eröffnet – 5 Euro für einen Turbopunsch aus Konzentrat und Hochprozentigem. Die Einkaufssamstage werden zur Schlacht um die letzten Handschuhe, das Parkplatzsuchen und Warten in der Schlange raubt den letzten Nerv.
Die Antithese
Ich finde das alles nicht so ansprechend und versuche, davon wegzukommen. Ich wollte Weihnachten dieses Jahr eigentlich am liebsten gar nicht feiern. Die Konsumparty will ich mir sowieso nicht geben, ein Fest der Liebe und Familie will ich jeden Tag feiern, nicht an nur einem Tag, als Entschuldigung für das Vergangene. Ich habe mir letztes Jahr zu meinem Geburtstag nichts gewünscht, dieses Jahr nur eine Menge spannender Bücher, die ich mir sonst selbst gekauft hätte. Ich habe dieses Jahr auch nichts hergeschenkt. Ich habe Weihnachten mitgefeiert. Aber nicht, weil es mir so wichtig wäre, sondern um Erwartungen zu erfüllen. Aber ist das am Ende zielführend?
Die Synthese
Jain. Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Synthese. Aber wie kann die aussehen? Vor einiger Zeit habe ich ein großartiges Buch gelesen. Es trägt den schlichten Titel »Bildung. Ein Essay« und entfloss der Feder Hartmut von Hentigs, eines deutschen Bildungsphilosophen. Er erzählt in dem Essay, was Bildung für ihn ist und nennt auch zehn Anlässe, an denen man sich bilden kann. Einer davon lautet »Feste feiern«. So schreibt er:
Blicken Kinder auf ein Jahr zurück, fallen ihnen als erstes die Feste (und die damit verwandten Feiern) ein – und wenn wir Erwachsenen über einen größeren Lebensabschnitt zurückblicken, geht es uns genauso. Wir alle brauchen Feste, und wir haben, meine ich, ihrer in unserer Welt [...] Feste sind gesteigertes Leben. Deshalb machen wir große buchstäbliche ungewöhnliche und freiwillige Anstrengungen für sie. [...] Wir feiern nicht mehr täglich und im kleinen sondern vornähmlich im großen und dafür seltener.
Bevor ich fortfahre, möchte ich allen, die Interesse an Bildung haben, dieses Buch empfehlen und wärmstens ans Herz legen, es ist eine geniale Lektüre. Hentig sagt auf jeden Fall, dass das Feiern von Festen wichtig für den Menschen ist – und hat damit sicher Recht. Vor ein paar Stunden saß ich zum zweiten Feiern vor dem »brennenden« Baum, lockeres Gespräch, gutes Essen, eine entspannte und angenehme Atmosphäre. Ich konnte das erste Mal seit langem ein Fest genießen. Nicht immer daran denken, dass ich eigentlich jeden Tag genießen und feiern sollte. Einfach dasitzen, kurz die Augen schließen und innerlich lächeln.
Der Vorsatz
Beim Schreiben dieses Textes ist mir vieles klar(er) geworden. Dieser Text hat mich einige Stunden gekostet. Ich habe viel geändert, umgeschrieben, gelöscht und anders neu gemacht. Ich habe gelernt und jetzt ein Stückchen besser verstanden, wie es gehen kann: Jeden Tag ein kleines Fest feiern, aber manchmal und so oft es geht auch groß, ausgiebig und wild feiern. Anlässe einfach wahrnehmen und einfach froh über die gebotene Chance sein.
Während des Schreibens hat sich mein erster Neujahrsvorsatz herauskristallisiert:
Ich möchte im nächsten Jahr an meiner Gegen-alles-Mentalität arbeiten und öfter mal ganz unkompliziert genießen. Nächstes Jahr möchte ich Weihnachten und auch alle anderen Feste kopfstehen lassen.
Weiterführende Links
- Wem das Modell der These – Antithese – Synthese nicht vertraut ist, wird mit Wikipedia gut bedient sein.
- Hier finden sich meine zwei Artikel zu meinem Geburtstag dieses Jahres: »Mein Geburtstagswunsch an dich« und »Älter werden«
- Wer mehr zu der tatsächlichen Herkunft von Weihnachten hat, darf Wikipedias Artikel zum »Sol Invictus lesen
- Wer an dem zitierten Buch Gefallen gefunden hat, kann entweder eine (schlechte) Wikipediazusammenfassung lesen, »Bildung. Ein Essay« auf Amazon bestellen oder Christoph Chorherrs Videozusammenfassung dazu ansehen (ich würde Letzteres bevorzugen)
wenn die rede von these, antithese, synthese ist, darf der name hegel nicht fehlen: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTGEIST/DialektikMethode.shtml
ebensowenig der begriff dialektik: http://de.wikipedia.org/wiki/Dialektik