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Bin ich psychisch gestört?

Posted by on Mittwoch, 30 September, 2009

Am 16. Oktober wäre es ein Jahr gewesen – heute habe ich meine seit damals andauernde Psychotherapie vorerst beendet. Warum ich das in die Öffentlichkeit poste? Ich möchte Mauern abbauen. Mauern, die längst nicht mehr Schutz sind sondern längst schon als Gefängnis wirken. Außerdem möchte ich Bewusstsein schaffen für einen wichtigen Aspekt der Gesundheit – den seelischen Faktor!

Was ist Psychotherapie?

Auf Wikipedia (Psychotherapie – Wikipedia) ist jeder herzlich eingeladen viel darüber zu lesen. Der erste wikiped’sche Satz fasst es aber richtig und gut zusammen:

Die Bezeichnung Psychotherapie (griech. psycho – Seele und therapía – Heilen) steht als Oberbegriff für alle Formen psychologischer Verfahren, die ohne Einsatz medikamentöser Mittel auf die Behandlung psychischer und psychosomatischer Krankheiten, Leidenszustände oder Verhaltensstörungen abzielen.

Ich merke in persönlichen Gesprächen immer wieder, dass Psychotherapie als etwas für geisteskranke Menschen gesehen wird. Dem ist nicht so.  Es geht vor allem darum Leidenszustände zu beenden. Jeder von uns hat seine eigenen kleinen Kämpfe – zuviel Schokolade, Probleme mit den geschiedenen Eltern, die Frage nach dem Sinn im Leben, Ärger in der Schule, Überforderung in der Arbeit oder Stress im Studium. Ich kenne keinen Menschen, der nicht irgendwo seine großen und kleinen Problemchen hat. Viele davon kann jeder für sich lösen. Oft ist man auch dankbar für die Zeit eines guten Freundes oder das Ohr einer vertrauten Freundin. Vieles kann ein persönliches Umfeld auffangen und oft heilt die Zeit ja doch alle Wunden – aber manchmal fehlt es an der Person um über Trennungsschmerz, Beziehungskrise, Midlife-Crisis oder Zukunftsfragen zu sprechen. Das Thema lässt sich mit Freunden nicht erörtern, Familie versteht einen einfach nicht oder – und das ist legitim – die Vertrautheit ist einfach nicht gegeben. Hier könnten Therapeuten in’s Spiel kommen – sofern es nicht Mauern gibt, die einen davon abhalten. Ein Psychologe analysiert weder dein Hirn, noch muss er ein personifizierter Freud sein. Sie sprechen nicht alle reinstes Hochdeutsch oder haben lange weiße Bärte und nicht nur geistig verwirrte Menschen suchen bei ihnen Hilfe (oder werden gar gezwungen) sondern Menschen wie du – oder eben ich.

Was ist falsch mit mir?

Mit mir ist und war nichts falsch – und trotzdem verspürte ich das Bedürfnis mich in therapeutische Behandlung zu begeben. Einmal in der Woche traf ich mich regelmäßig mit einer rund 45-jährigen Frau – nur um zu reden. Über Gott und die Welt, aber eigentlich hatte ich zwei große Fragen – die mir großes Leid und Kopfzerbrechen bereiteten:

  1. Wie soll ich, der kleine Armin von nebenan – ohne jegliche besonderen Merkmale, ohne besonderes Wissen oder Spezialgebiet, in dem ich brillieren könnte – zwischen all den potenten und großen Persönlichkeiten meines Umfelds genug Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekommen?
  2. Habe ich den Tod meines Vaters (er verunglückte im August 2005 tödlich) verarbeitet? Oder verdängt? Die Art meiner Trauer war ganz und gar unnormal – ich habe ihm kaum eine Träne nachgeweint. Und das bei einem Menschen, den ich von ganzem Herzen lieb(t)e. Kann das normal sein? Kann das nachhaltig gesund sein?

Diese zwei Punkte zogen mich emotional und auch physisch total runter und machten mich absolut fertig. Ich machte mir viele Gedanken und kam zu dem Schluss, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich externe Hilfe bräuchte. Denn Freunde und Familie konnten mir mangels Erfahrung (1) und Verständnis (2) nicht weiterhelfen. Ich machte also den Schritt und rief beim dem Verein für ambulante Psychotherapie an. Freundlich und bereitwillig gab man mir (absolut diskret) Auskunft über meine Möglichkeiten und ließ mir eine Liste von TherapeutInnen in meiner Umgebung (9, 17, 18, 19 Bezirk) zukommen. Ich rief eine nach der anderen an und erkundigte mich nach Therapiestunden auf Krankenschein. “Kein Interesse” war die erste Antwort – ganz schön frustrierend! Und das von einem Psychoarzt! “Kein Platz” war die zweite Reaktion, “melden sie sich in 2 Monaten wieder” die Dritte. Bei Nummer vier passte alles. Zwar war auch da Platz knapp, aber die Sympathie stimmte von Anfang an – und das ist bei Therapien das wichtigste – wie soll ich mich einem unsympathischen Menschen öffnen? Also Nummer vier wurde es.

Wie läuft so eine Therapie ab?

Man hat einen Leidenszustand (oben habe ich schon Beispiele angeführt, nocheinmal, das hat nichts muss nichts mit Krankheiten oder Abnormalitäten zu tun haben, ein Streit in einer Beziehung, der Tod eines Freundes oder die Kündigung in der Arbeit reicht oft schon um einen seelisch ordentlich durcheinander zu bringen!) und fühlt sich selbst nicht in der Lage sich aus diesem Zustand zu befreien. Nachdem Zahlungsmodalitäten (auf die ich später noch eingehen werde) und terminliche Fragen geklärt sind, trifft man sich 1 – 2 mal wöchentlich alleine (Einzeltherapie – am häufigsten) oder in einer Gruppe (Gruppentherapien sind selten, aber manchmal hilfreich!) mit einer Therapeutin /  einem Therapeuten und redet über seine Probleme. Genaugenommen muss man nicht reden. Man hat 45 Minuten Zeit in denen du tun kannst, was du willst. Dein Therapeut ist einfach für dich da. Er nimmt sich Zeit für dich um dir zu helfen. Wenn du etwas erzählen willst, hört er dir aufmerksam zu. Er stellt Fragen und hilft dir die Ursache deines Problems zu finden. Oft sind die Probleme gar nicht das Problem, sondern die Ursachen. Die gilt es zu lokalisieren und dann zu ändern. Das zweite ist meistens ganz einfach, das erste nicht – da habe auch ich dringend Hilfe gebraucht.

Am Beispiel Armin – was hat’s gebracht?

Was hat sich im letzten Jahr für mich geändernt? Einiges und das ist der Grund warum ich heute die Therapie (einvernehmlich) beendet habe :

Aus zwei Gründen begann ich meine Therapie – ad 1.)

  • Ich bin ein rund-um glücklicher Mensch. Ich fühle mich zu 99,5 Prozent umwerfend – an dem halben Prozent arbeite ich
  • Ich bekomme genug Aufmerksamkeit und Wertschätzung und weiß worin ich gut bin.
  • Über die (intensive) Beschäftigung mit mir selbst habe ich mich besser kennen gelernt.
  • Ich bin (mir) deswegen Selbst-bewusster
  • Ich habe deswegen ein ungeheures Selbstvertrauen aufgebaut.
  • Weil ich blind in meine Fähigkeiten vertrauen kann, bin ich sehr selbstsicher
  • Diese Selbstsicherheit schenkt mir Tag für Tag einen unerschöpflichen Vorrat an Selbstwertgefühl
  • Ich bin also selbstbewusster, was dazu führt, dass ich Selbstvertrauen habe, das mir Selbstsicherheit gibt und fühle und strahle meinen Selbstwert aus (oder?)

ad 2.)

  • Ich habe ein Jahr lang intensiv versucht meine Trauer zu analysieren.
  • Ich habe viel über mich selbst gelernt und bin zu dem Schluss gekommen: Sollte ich etwas verdrängen ist das in Ordnung, wenn ich es sogut (vor mir selbst) verstecken kann, muss es passen!

Und welchen Anteil hatte meine Psychologin daran? Das ist unmöglich zu sagen. Jeden Tag werde ich bombardiert mit neuen Impulsen. Jeden Moment denke ich an irgendetwas – aber nur ein 168tel meiner Woche sitze ich bei meiner Therapeutin. Natürlich sind diese Erfolge, die ich über das letzte Jahr eingefahren habe nicht nur ihr verdienst: Genau genommen praktisch gar nicht. Denn während den Sitzungen habe hauptsächlich ich geredet – sie hat eine sehr passive Rolle eingenommen und hauptsächlich beobachtet – aber im entscheidenden Moment eine Frage gestellt, die mich immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen und Gedanken gebracht hat! Also natürlich nicht nur ihr Verdienst – Psychotherapie ist kein Wundermittel, aber sicher auch kein Placebo!

Jeder hat sein Problemchen – nimm es ernst!

Nicht jeder verliert seinen Vater mit 15 – Gott sei Dank! Nicht alle Eltern trennen sich – Gott sei Dank! Nicht jeder wird vergewaltigt oder misshandelt – Gott sei Dank! Aber jeder von uns hat seine kleinen Wunden. Die Verletzungen, die man gerne wegwischt und verdrängt. Eine Trennung, ein Professor, eine Schwäche oder eine Stärke mit der man nicht umgehen kann. Laut Weltgesundheitsorgansation (WHO) ist Gesundheit (PDF) „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.” Nicht nur ein gebrochenes Bein oder eine geprellte Rippe gehört geheilt, auch seelischer Schmerz ist schädlich für deine Gesundheit, aber wichtiger noch: dein Wohlergehen!

Geholfen wird nur wer um Hilfe bittet!

Wir leben in einem Land in dem man kostenlos – auf Krankenschein – eine Psychotherapie machen kann. Mein Appell soll sein: Nimm diese Möglichkeit, vielmehr diese Chance wahr – wenn du dich außer Stande fühlst dir selbst zu helfen! Diese Hilflosigkeit ist zwar schade, aber zu akzeptieren, dir muss geholfen werden. Du darfst nicht verdrängen – denn dann schiebst du nur auf! Achte nicht nur auf deine körperliche sondern auch deine seelische Ausgeglichenheit! Eine Therapie zu machen hat nichts mit Geisteskrankheit oder Schwäche zu tun sondern vielmehr mit verantwortungsbewusstem Handeln dir und deinem Körper gegenüber!

Sollte es irgendwelche Fragen geben, stehe ich gerne bereit sie zu beantworten – zögere nicht mir eine eMail (armin.soykaATgmx.at) zu schreiben oder dich per Facebook bei mir zu melden! Ich helfe gerne und mit Freude – und ich kann Dinge für mich behalten.