Stunden, ja Tage lang kann man argumentieren, ob Lateinunterricht an Allgemeinbildenden Schulen noch zeitgemäß ist. Argumente gibt es für und wider – das steht außer Frage. Klar ist für mich auch, dass ich dieses lästige Fach weder los werde noch länger genießen darf, denn dies ist mein letztes Schuljahr. Das akzeptiere ich, das ist gut so. Jetzt möchte ich das Beste daraus machen. Letztens zum Beispiel wurde ich im Lateinunterricht mit einem sehr spannenden Text konfrontiert – den zu übersetzen eine Hölle war, im nachhinein das Lesen der Übersetzung aber Spaß macht und mich zum Nachdenken bringt. Ich halte es für wichtig, sich diese Überlegungen Senecas regelmäßig in Gedanken zu rufen. Gerade in einer Zeit in der Solidarität, Gerechtigkeit und verantwortungsbewusstes Handeln uncooler denn je sind.
Lieber Lucilius,
erfreut höre ich von Menschen, die von Dir kommen, wie freundschaftlich Du mit Deinen Sklaven zusammenlebst: Das entspricht Deiner Klugheit und Deiner Bildung. Wenn wir es recht bedenken, sind wir doch alle Sklaven auf Erden: Jederzeit kann das Schicksal auch uns niederwerfen. Daher lache ich über jene, die es für unwürdig halten, zusammen mit ihren Sklaven zu speisen. Denn wenn sie sich gierig über ihre Delikatessen hermachen, sind sie von Sklaven umringt, die ihnen stehend und hungernd dabei zuschauen. Wie ich hörte, sind den Sklaven in einigen Patrizierfamilien in Rom auch die leisesten Geräusche untersagt. Sogar Husten, Niesen und Schluckauf werden mit einem Tag Fasten, wenn nicht gar Peitschenhieben bestraft. Und dann hört man vielleicht dieselben Patrizier mit betrübeter Miene seufzen: “Ach, die Sklaven sind meine größte Sorge. Besitzt du viele Sklaven, umlagern dich auch viele Feinde.” Dabei vergesssen sie vollkommen, dass eben sie, die freien Männer, es waren, die sie sich zu Feinden machten. Ich sah Sklaven, die man beim Gastmahl zwang, den Auswurf der Gäste wegzuwischen, andere, die faulige Hinterlassenschaft der Trunkenen zu beseitigen, wieder andere fungierten als Mundschenk, in Mädchenkleider gewandet, um dann, des Nachts, Knabengewänder anzulegen, um die Gelüste ihres Herrn zu befriedigen.
Mir ist nun nicht daran gelegen, wieder einmal die alte Frage zu erörtern, ob es moralisch oder unmoralisch sei, sich Sklaven zu halten. Dennoch möchte ich Dir einen einfachen Rat geben, der Dir im Leben nützlich sein kann: Behandle Deinen Untergebenen so, wie Du von Deinem Vorgesetzten behandelt werden möchtest. Denk daran, dass jener, den Du Sklave nennst, von Deiner Art ist. Er atmet wie Du, lebt wie Du, leidet wie Du, stirbt wie Du und genießt denselben Himmel wie du. Wenn du ihn gut behandelst, wird auch er Dich gut behandeln, sollte das Schicksal einmal, die Verhältnisse umkehren. Nun könntest Du erwidern, Du seist schon zu alt, um noch einmal in Ketten zu enden. Aber das ist nicht gesagt. Denke nur daran, was Hekuba geschah, Kroisos, Dareius, Diogenes oder auch Platon.
Such Dir Deine Freunde nicht nur auf dem Forum. Auch in Deinem eigenen Haus kannst Du einen Freund finden. Versuche es, vielleicht entdeckst Du in einem Wesen, das Du tagein, tagaus siehst, einen Menschen, der Dich wirklich liebt. Töricht ist jener, der ein Pferd kauft und dazu nur Zügel und Zaumzeug prüft. Und ebenso töricht ist der, der einen Menschen alleine nach seinem Äußeren und seinem gesellschaftlichen Rang beurteilt. Und hält Dir jemand entgegen: “Aber das ist doch ein Sklave”, so antworte: “Kannst du mir einen Menschen zeigen, der das nicht ist?” Der eine ist Sklave eines Herrn, ein anderer der seiner Leidenschaften, wieder ein anderer seines Geizes oder seines Ehrgeizes, und alle, wirklich alle, sind Sklaven der Angst vor dem Tod. Leb wohl.
Dein Lucius Annaeus(Seneca, Brief 47)
Der Brief hat für mich eine brennende Aktualität. Menschen gehen miteinander um in einer Art, dass man mehr kotzen möchte als man essen kann. Gegenseitig versucht man sich fertig zu machen und einander auf dem Kopf herum zu trampeln. Die Schere zwischen Reich und Arm in Österreich und auf der ganzen Welt klafft weiter und weiter auseinander, die Erwerbsarbeitsabhängigkeit verwandelt sich mancherorts schon fast in sklavische Zustände.
Der Brief soll ein Credo sein für einen menschlichen Umgang miteinander – über alle (von Menschen geschaffenen) Grenzen wie Hautfarbe, Religion, Nationalität, Ethnie, Sexueller Identität,… hinweg. Er soll eine kleine Erinnerung daran sein, dass es keinen Unterschied zwischen Arm und Reich gibt, außer ein paar Nullen auf dem Bankkonto oder der Menge an Kupfer-Nickel-Messing-Legierung im Hosensack!
NACHTRAG// Ich bin heute auf einen weiteren netten Aspekt gekommen.
Im alten Rom hat ein Senator vorgeschlagen, man sollte alle Sklaven mit einem weissen Armband versehen, um sie besser erkennen zu können. „Nein“, sagte ein weiser Senator, „Wenn sie sehen wie viele sie sind, dann gibt es einen Aufstand gegen uns.“
Wird es auch uns irgendwann so ergehen? Wird die Spanne zwischen Arm und Reich, zwischen Recht erzwingen und Recht erdulden, zwischen Tätern und Opfern irgendwann so groß, dass es zu Aufständen kommen wird? Ist das erstrebenswert? Und wird jemand auf die Idee kommen, dass wirtschaftlich versklavte Präkariat (das ist der neue Ausdruck für Unterschicht/Proletariat, damit sie nicht überreißen, dass von ihnen die Rede ist!) zu markieren? Wird es zu Ausschreitungen kommen, die über Paris (2005) oder Athen (2008) hinausgehen? Perspektivenlosigkeit war bei beiden Ausschreitungen die Ursache. Im Nationalsozialismus wurden Juden markiert. Damals stellten sie eine absolute Minderheit dar (nur 0,75 Prozent der deutschen Bevölkerung waren 1933 Juden), weswegen es wohl zu keinen erheblichen Aufständen kam.