Heute wieder, ich habe ja schon zwei mal über solche Begebenheiten geschrieben, habe ich interessante Menschen kennen gelernt. Einfach so – also weil ich auf meine Umwelt eingegangen bin.
Zuerst, direkt nach der Schule, bei der Straßenbahnstation. Ein Mädel hält die Staßenbahn auf, eine Mitt-60-erin beginnt undeutlich zu fluchen. Ich frag’ nach, was sie so aufregt, sie meint, da die deppaten Kinder. Können doch nicht die Straßenbahn aufhalten. Nagut denk ich mir, ist in Ordnung. Und wirklich, die Straßenbahn hatte die Grünphase, sie sie ohne das motivierte Kind, noch erwischt – war nicht richtig, war nicht toll, ob man sich darüber so aufregen muss oder nicht, darüber lässt sich streiten, Schwamm drüber. Aber die nächste Aussage, die hat mich wirklich zum Grübeln gebracht. “Sollen zu Fuß gehn, die Deppaten” “Bitte was?” “Na die soll’n zu Fuß gehen die Kinder, sind alle faul!” Grobe Verallgemeinerung, nicht zulässig, aber der Spaß geht weiter. “Als ich Jung war, gab’s auch keine Straßenbahnen, da bin ich ein-einhalb Stunden zur Fuß gegangen. In der Nachkriegszeit gab’s das alles nicht. Da hatten wir nichts.”
Bei dieser Argumentation dachte ich mir dann nicht mehr Schwamm drüber. Da wollte ich was erwiedern und das tat ich auch, mit dem Resultat, dass sie noch zweimal beteuerte, dass sie immer noch kilometerweit zur Fuß ginge und dass die heutige Jugend einfach nur zum Vergessen sei und sich dann von der Bank erhob und weg ging, undeutlich gestikulierend und mit finsterer Mine. Schade eigentlich, dass Menschen so verbittert sein können. Dass ihr Leben ihnen so unfair mitspielen kann, dass sie so knausrig werden. Und so uneinsichtig, dass nichteinmal das beste und logischste Argument sie zum Nachdenken bringt. Mein Argument war wirklich simpel: “Sollten, weil vor 2000 Jahren die Menschen mit 40, 50 gestorben sind, auch heute alle Menschen in diesem Alter sterben? Oder sollten wir dankbar sein für die technischen, hygenischen, praktischen Entwicklungen, die wir Menschen über die letzten Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte, selbst Jahre gemacht haben? Sollen, weil Sie in Armut aufwachsen mussten, alle Kinder in Armut aufwachsen müssen? Oder können sie stolz sein, dass dem jetzt nicht mehr so ist?”
Schade.
Die andere Begebenheit war eine sehr andere, sehr positive. Ich stehe bei der Straßenbahnstation Gersthof und von einer jungen, fröhlich-freundlich-sympatischen Dame nach einer Apfelsaftpresse (Saftladen) gefragt. Komische Frage eigentlich, nicht alltäglich, aber ich erinnere mich: da gibt’s so eine, die ist aber sehr kleine und alte – vier Straßen weiter, da haben wir immer unseren Apfelsaft gepresst. Fallobst hin, Apfelsaft zurück – Kindheitserinnerung halt. “Aber die hat seit diesem Jahr zu,” sagt ich und beginne zu erzählen von den 40 kg Äpfeln, die ich dieses Jahr hinbringen wollte und vor verschlossenen Toren stand.
Wir kommen ins Gespräch – es ist nett, lockere Stimmung. Sie sucht eine Wohnung, die Apfelpresse ist nur eine Orientierungshilfe. Sie war ein Jahr in New York, Au Pair vermute ich, oder Studium. Ist ja auch egal. Sie kommt aus Graz, also genaugenommen einem Kaff gleich daneben meint sie. Und jetzt will sie in Wien studieren. Dafür braucht sie eine Wohnung, die will sie besichtigen. Eine gleich bei mir um die Ecke – und ich beginne ihr über die Umgebung zu erzählen. Schließlich wohne ich seit 18 Jahren hier und liebe meinen Bezirk, mein Grätzl. Der Pötzipark, der Türkenschanzpark, die perfekte öffentliche Anbindung (40er, 41er, 9er, S45, 10A, N41), die ruhige Lage, der Wienerwald, der nur 20 rad-minuten enfernt ist, das Schafbergbad, einfach all die netten Dinge, die ich so an Gersthof schätze.
Wir finden die Wohnung gemeinsam, ich biete ihr meine Nummer an, falls sie Fragen hat kann sie mich ja anrufen, ich erzähle gerne weiter von meinem Grätzl. Ich frage nicht nach ihrer, ich will mich nicht aufdrängen. Die 10 Minuten waren sympatisch, wenn wir uns wiedersehen freu ich mich, aber ich erzwinge es nicht. Wir verabschieden uns, gehen getrennte Wege. Vielleicht sehen wir uns nie wieder, aber die Zeit war gut investiert, sie hat meinen Tag verschönert. Und die zehn Minuten fehlen mir nicht wirklich, das Preis/Leistungs oder Zeit/Motivations-Verhältnis passt.
Dieser Blogpost soll ein paar Dinge, ich spreche sie einfach an. Er soll zum nachdenken anregen: Welche persönliche Interaktion will ich mit den Menschen in meiner Umgebung? Wie offen will ich für (Wild)Fremde sein? Will ich mich mit Stöpseln im Ohr hinter meiner Zeitung verstecken? Oder doch lieber neue Dinge sehen. Egal ob Knausrigkeit oder Sympatie?
Er soll auch Freude machen. Ich hoffe ich kann mit meinen Zeilen, mit der Begeisterung mit der ich diese Situationen (beide) erlebt habe, dir als Leser meine Motivation rüber bringen und das “Feuer überspringen” lassen.
Die restlichen fallen mir gerade nicht ein, aber da gab’s noch mehr, was ich erreichen wollte. Aja, vielleicht wollte ich auch ein bisschen manipulieren, diese Fragen so zu beantworten wie ich es für richtig halte, aber das ist dann vielleicht schon wieder zuviel der Ehrlichkeit…