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Antibiotika, Gerechtigkeit und Politik

Posted by on Donnerstag, 22 Oktober, 2009

Heute war ich bei der Schulärztin. Ist zwar eine nervige Sache mit dem Nebeneffekt einer verpassten Philosophiestunde, aber großartig, wenn man bedenkt, dass 1,4 Millionen SchülerInnen so jährlich ein oder zwei mal (grob) vorsorgeuntersucht werden. Das ist wichtig für die Gesundheit „unserer Kleinen“ und die Nachhaltigkeit unseres Versicherungssystems. Soweit sogut. Was mir aber sehr sauer aufstieß, war eine Äußerung der Schulärztin. Die wollte, dass ein Klassenkollege sich wegen einer simplen Infektion ein Antibiotikum verschreiben lässt – vorsichtshalber. Was Antibiotika mit Menschen machen, weiß kaum jemand. Von systematischer Zerstörung der Darmflora über die gezielte Schwächung des Immunsystems als Nebenwirkung bis hin zu möglichen allergischen Reaktionen – um nur einige der Gefahrenpotenziale zu nennen. Außerdem gewöhnt sich der Körper bei zu oftmaliger Nutzung an die Wirkstoffe der Antibiotika und wird resistent. Keine Frage, Antibiotika sind wichtige Medikamente, aber wir haben “bei der Auswahl darauf zu achten, dass ältere wirksame Standardtherapeutika den Vorzug vor Reserveantibiotika erhalten.” Als ich das der Schulärztin sagte, war sie zwar meiner Meinung, entgegnete aber:

“Wenn Menschen mit 39 Grad Fieber zu mir in die Ordination kommen und sagen: Frau Doktor ich kann nicht krank werden, ich werde gefeuert. Dann muss ich diesen Menschen eine Alternative bieten.”

Da war ich erst mal baff. Ihr Nachsatz ging in meinen Überlegungen fast unter.

“Das ist aber nicht erst seit der Krise so, das wird die letzten drei Jahre immer schlimmer. Besonders bei älteren Menschen. Älter heißt ab 50 circa.”

Seitdem denke ich nach. Was sagt der Antibiotikakonsum über ein Land aus? Er sagt doch so einiges über die Stabilität in einem Land aus. Auch Politik-ScienceBlogger Ali Arbia argumentiert den Zusammenhang zwischen politischer Situation und Tablettenkonsum sehr treffend. In seinem Artikel Globalisierung und der Konsum von Antibiotika berichtet er über den Zusammenhang, den er sieht:

“Die Logik wäre folgendermassen: Wer Schwierigkeiten hat, mit Unsicherheit klar zu kommen, wird einerseits eine isolationistische Handelspolitik unterstützen (Jobsicherheit, weniger externe Schocks) obwohl diese ökonomisch sinnvoll wäre. Diese Personen werden aber auch eine Tendenz haben, Antibiotika sozusagen präventiv zu verlangen, auch bei harmloseren Krankheiten oder wie im Artikel beschrieben, gar bei viralen Infektionen. Als Indiz für diese These zitiert Charlemagne Eurobarometer-Daten zu Zukunftssorgen in den den einzelnen Ländern (ich habe die Zahlen nicht rausgesucht, ich glaube ihm einfach mal, dass es wirklich etwas gibt, dass nach Korrelation aussieht).”

Die These scheint logisch. Laut den Daten von 2006 sind wir (Österreich) (noch) ganz gut aufgestellt. Vergleichsdaten konnte ich leider nicht finden. Wäre wohl interessant.

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Von 1.000 Einwohner nehmen täglich zwischen 9 und 30 Einwohnern ein Antibiotikum.

Interessant fand ich auch den Aufsatz zu dem Thema “Antibiotika: Solange sie noch wirken …” von vier deutschen Wissenschaftlern. In einer sehr einfachen und auch für Laien verständlichen Sprache erklären sie, was die Probleme von überhöhtem Antibiotikakonsum sind und wie die Situation in Deutschland und Europa ausschaut. Hier eine Kurzdarstellung des Artikels:

Einst galten Antibiotika als Wunderwaffe gegen Infektionen. Doch ihr großzügiger Einsatz hat viele Erreger resistent gemacht.  Der vorliegende Beitrag beschreibt Chancen und Risiken der Antibiotikatherapie nach jetzigem Erkenntnisstand und stellt diese dem faktischen Verschreibungsverhalten der Kassenärzte gegenüber. Damit soll zu einer sachlichen und differenzierten Diskussion über den Antibiotikagebrauch in Deutschland beigetragen werden. Damit Antibiotika auch zukünftig noch wirken, müssen sie indikationsgerecht eingesetzt werden und es muss bei der Auswahl darauf geachtet werden, dass ältere wirksame Standardtherapeutika den Vorzug vor Reserveantibiotika erhalten.

Klar ist, dass wir ein Problem haben. Wenn eine Ärztin berichtet, dass Menschen zu ihr kommen und Angst um ihre Lebensgrundlage haben, dann muss sich etwas ändern. Und nicht bei der Ärztin. Die kann nämlich weder etwas dafür noch dagegen.

Wir als Zivilgesellschaft sind gefragt, uns demokratisch einzubringen. Wir müssen in der Politik Druck erzeugen und ja, wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie gerechte Verteilung der Güter aussieht. Ein paar Fakten aus dem letztjährigen Sozialbericht:

Das reichste Prozent der Haushalte hält 27 Prozent des gesamten Geldvermögens. Das oberste Promille (0,1%) besitzt über 8% des gesamten Geldvermögens. Dieser Wert wird von der gesamten unteren Hälfte der Haushalte erreicht, die ebenfalls über 8% des gesamten Geldvermögens verfügt. (Seite 279, 18.2.2. Markante Konzentration des Geldvermögens in Österreich)

In der Stichprobe der OeNB finden sich 0,4% Prozent Geldvermögensmillionäre. Ihr Anteil am gesamten Vermögen beträgt 13%. (Seite 279, 18.2.2. Markante Konzentration des Geldvermögens in Österreich)

Der reichste Haushalt in der OeNB-Vermögensbefragung besitzt mehr an Geldvermögen als die untersten 29%. (Seite 279, 18.2.2. Markante Konzentration des Geldvermögens in Österreich)

Gemäß der Zeitschrift Trend gibt es auch in Österreich 25 Milliardäre (siehe Trend 2008). (Seite 279, 18.2.2. Markante Konzentration des Geldvermögens in Österreich)

Es kann nicht sein, dass 1 Mensch soviel hat wie 500 Menschen zusammen. Sind dann noch alle Menschen gleichwertig, in einer Welt, die alles in Geld misst?

Wenn Zivilcourage tödlich ist

Posted by on Freitag, 18 September, 2009

Ich habe soeben einen Artikel im Kurier gelesen, der mich zutiefst erschüttert, erschreckt und nachdenklich gemacht hat. Hier erstmal der Link. Er berichtet von einem Mann, der einschritt, als Kinder angegangen wurden und dafür mit seinem Leben bezahlen musste. Er wurde ermordet. Kaltblütig und unreflektiert. Aus Wut, Rache oder welchen niederträchtigen Motiven auch immer.

Der Artikel hat mir einmal mehr vor Augen geführ, in was für einer degenerierten Welt wir leben, wie fehlgeleitet unsere Werte sind. Andy, von dem ich sonst sehr viel halte, schreibt über “Gier oder Neid” und nicht über Selbstverwirklichung, nach der wir zumindest laut Maslows Bedürfnispyramide (die wissenschaftlich anerkannt ist!) streben. Materielle Werte werden hochgehalten, “Reichtum für alle die sich’s verdienen” schreien die einen. Die wenigen, die eh schon mehr haben, als sie jemals essen (ja nichteinmal ausgeben!) können. Die anderen würden auch gerne schreien – nur, wie? Niemand hört sie. Wie verblendet unsere Medien Fakten interpretieren hat die News/Death-Ration (via Chorherr) eindrucksvoll bewiesen. Wer weitere Beispiele sucht, kann auch einfach auf Wikipedia unter Armut nachlesen: “Die reichsten 1% der Weltbevölkerung kontrollieren 40 % des Weltvermögens. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt weniger als 1 % des Weltvermögens.” Man könnte auch Konstantin Wecker zuhören (und sehen) wie er in seiner unglaublich berührenden Geschichte mit Willy mit jedem teilt, der sie hören will. Aber er redet von den anderen. Wir und die anderen. Weit weg, das kann man übersehen. Aber wir können auch in den österreichischen Sozialbericht schauen. Da findet man das Selbe:

Das reichste Prozent der Haushalte hält 27 Prozent des gesamten Geldvermögens. Das oberste Promille (0,1%) besitzt über 8% des gesamten Geldvermögens. Dieser Wert wird von der gesamten unteren Hälfte der Haushalte erreicht, die ebenfalls über 8% des gesamten Geldvermögens verfügt. (Auszug aus dem Sozialbericht 2007 – 2008 Seite 279, 18.2.2. Markante Konzentration des Geldvermögens in Österreich)

Wir gehen in die falsche Richtung – und die Menschen stöhnen. Und alle verlieren, selbst die, die Milliarden dabei abschöpfen.Volker Pisper hat das sehr schlüssig argumentiert (ich finde das Video gerade nicht!): Was bringt mir eine Gesellschaft in der ich bedingungslos reich werden kann, wenn neben mir einer Hunger hat und beschließt, mir meine Uhr wegzunehmen, weil er sie verkaufen und dann etwas essen kann? Wenn das arm/reich-Gefälle zu weit auseinander klafft, gibt es soziale Spannungen. Lange kann man sie unterdrücken, aber Menschen lassen sich nicht gerne verarschen und wer 40 Stunden die Woche arbeitet und trotzdem kein Einkommen zum Auskommen hat, wird nicht lange mitansehen, wie andere sich für’s nichts tun den Bauch voll schlagen. Die sozialen Spannungen werden eskalieren.

Es braucht sozialen Ausgleich. Die Frage wieviel ich verdienen kann (moralisch) ist zu diskutieren und der Mensch ist wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Die Wirtschaft ist nicht mehr als ein Mittel zum Zweck! Wir brauchen viel Zivilcourage! Natürlich. Wer sich daneben benimmt und andere schädigt gehört gestraft. Aber wir dürfen uns nicht auf die offensichtlichen Täter beschränken, sie sind meist nur die kleinen Gauner, der Hund liegt im System begraben. Brecht hat dazu einmal gesagt: “Was ist das Ausrauben einer Bank, gegen ihre Gründung?”

Soziale Gerechtigkeit ist die Vorraussetzung für Wohlstand, dessen Kirche nicht auf dem Stein der Ausbeutung gebaut ist. Wie wenn nicht mit selbstkritischer progressiver Politik? Wo, wenn nicht in offenen, autonomen und öffentlichen (!) Schulen? Wann, wenn nicht jetzt wollen wir diese Diskurse führen? Tun wir etwas, bewegen wir etwas. Zeigen wir Zivilcourage. Zeigen wir sie immer! In der Wahlkabine, bei der Wahl unserer Bank, in der Schule, im Job, in der Familie und auch in der S-Bahn!

Das Richtige zu tun muss das Leben wert sein!

PS: Und an alle, die mir jetzt Opfer-Täter-Umkehr vorwerfen wollen. Bitte überlegt es euch zweimal. Denke darüber nach, ob es nicht eine automatisierte, konditionierte, eingeübte Verdrehung von Tatsachen ist, die dich davor schützen soll, dich selbst zu hinterfragen! Und überlege dir auch, ob du eigentlich auf der Gewinner oder der Verliererseite stehst! Und wenn du drauf kommst, dass es eine Verliererseite gibt, dann realisiere, dass das System falsch ist! In allen Bereichen gibt es win-win Situationen, im Großen wie im Kleinen! Arbeiten wir daran die lose-Situationen aus unserem mathematischen Verständnis zu entfernen! Wann, wenn nicht jetzt! Wer, wenn nicht wir!