Wir haben eine unkritische Jugend.
[Oder?]
Gut, darüber kann man streiten. Dankbar habe ich den Blogpost “Der Jugend eine Stimme geben!” von Andreas Lindinger aufgenommen, indem er eine Studie zitiert, die Hoffnung gibt und Zuversicht spendet, dass meine erste Aussage einfach nur einer falschen Beobachtung zugrunde liegt:
Jeder zweite Jugendliche glaubt, dass gemeinschaftliches Engagement etwas bewirken kann und laut drei Viertel der Jugendlichen sollten Jugendliche aller Länder an Lösungsprozessen beteiligt werden. Ein Drittel der österreichischen Jugendlichen engagiert sich bereits gesellschafts- oder umweltpolitisch und die Hälfte der noch nicht Aktiven kann sich ein solches Engagement vorstellen.
Auch gab es in den letzten Wochen eine andauernde Diskussion, die sich sehr intensiv mit dem Thema auseinander setzte. Ausgelöst wurde sie von Martin Blumenau (Die acht Thesen der Meredith Haaf. Oder: die Generation 20-29 läuft Gefahr, ihre Welt zu veröden.) ausgelöst und sie stieß in der Blogosphäre und im Falter auf großen Widerhall, hat mich zum nachdenken gebracht.
[Doch!]
Aber gehen wir einmal von der Richtigkeit dieser Aussage aus. Sie entspricht auch meiner Einschätzung – mit (zu wenigen Ausnahmen). Jedem sollte klar sein, dass nur die Fähigkeit zur Kritik (und die umfasst auch die Selbstkritik) dafür sorgt, dass sich Dinge ändern. Um diese Tatsache mit einer Argumentation zu untermauern, möchte ich einen eigenen Text zitieren, der sich mit der Frage von Fehlern, Standpunkten und (Selbst)Kritik beschäftigt, aber noch nicht ganz fertig ist:
Hätten wir die guten Ideen früherer Generationen und anderer Zeitalter einfach unhinterfragt übernommen, wären wir zum Beispiel in einer Demokratie ohne Frauen- (und Sklaven-) Wahlrecht gelandet, hätten Autos ohne Sicherheitsgurte oder würden Bücher immer noch per Hand setzen. Nur progressive Geisteshaltungen haben in der Vergangenheit (Weiter)entwicklungen (wie die Aufklärung oder jegliche Form des technischen Fortschritts) ermöglicht, denn nur der ständige Diskurs führt zu Erneuerungen. [...]Als progressiver Mensch bin ich (theoretisch) immer bereit, mich auch mit meinen grundlegendsten Werten und Standpunkten (Partizipation, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit usw.) neu auseinanderzusetzen und mich zu fragen: Ist das noch gut genug? Gibt es bereits bessere Ansätze? Habe ich eine wichtige Entwicklung verschlafen? Oder überhaupt, habe ich etwas Grundlegendes übersehen und sind meine Ansichten unter Berücksichtigung dieser Punkte überhaupt tragbar?
Wir haben also eine (tendenziell) unkritische und nicht-hinterfragende Jugend (das ist (m)eine Annahme), wir sind uns aber bewusst, dass nur wenn wir hinterfragen, Verbesserung passieren kann.
Die Frage die wir uns also stellen müssen ist: “Warum sind Jugendliche unkritisch, warum hinterfragen sie nicht, warum bringen sie sich (zu / so) wenig ein?
[Warum?]
Und heute wurde mir dazu einiges klar(er). Die Puzzleteilchen, die ich über die letzten acht, neun, zehn Monate Stück für Stück gesammelt habe fügten sich zusammen und die Antwort erschien mir klar.
Es ist zu schwer an Antworten zu kommen in einer Zeit, in der Arbeit und Mühe für das ästhetische Ideal zu etwas schrecklickem geworden ist. Eine zynische Ausführung darüber gab es vor einigen Monaten in der Falterbeilage “Bildung und Weiterbildung”, ich habe sie abgetippt, weil ich sie für sehr passend halte:
Jugendarbeitslosigkeit und Frühpensionisten: Fluch der Arbeit in Österreich
Das Schlimmste, was einem österreichischen Menschen passieren kann, ist Arbeit. Daher zögert er jenen Moment, da er zu solcher gezwungen ist, möglichst lange hinaus und strebt jenen Tag an, da er damit endlich wieder aufhören kann. Berufliches Vorbild ist der “weiße Elefant”, ein Tätigkeitssimulant, der fürs Nichtstun eine Supergage kassiert. Dieser nutzt seine Arbeitszeit, um sich von der Welt unterschätzt zu fühlen. Den Tag verbringt er mit schlechter Laune, Intrigen und dem lautstarken Protest gegen Ausländer, die womöglich unsere Arbeitsplätze gefähreden, indem sie wirklich arbeiten. Weiße Elefanten empfinden sich immer als gefährdete Art – und die wirtschaftliche Entwicklung könnte sie tatsächlich verschwinden lassen. Aber was dann? Woran soll sich künftig unsere Jugend orientieren? Rettet das Wappentier unseres Berufslebens!
Jugendliche suchen Antworten, das steht außer Zweifel, sie tuen sich damit aber so schwer wie noch nie, diese auch zu finden. Unsere Welt ist in den letzten 300 Jahren exponenziell komplexer geworden. Mehr Informationen werden zugänglich und damit wächst die Möglichkeit und automatisch auch die Verantwortung jedes einzelnen die richtige Entscheidung zu treffen, eine Antwort auf seine Frage zu finden.
Vor ein paar Monaten bin ich in diesem Zusammenhang auf einen Artikel mit dem Titel “Studenten heute: Woran kann ich noch glauben?” in der Zeit gestoßen. Der Untertitel war sehr vielversprechend, also habe ich trotz der Länge des Artikels begonnen zu lesen. Er lautete: “Alle Utopien sind gescheitert. Warum die Studenten heute trotzdem radikaler sind, als es die 68er je waren. Eine Spurensuche.” und nach drei Seiten hatte ich über Ideale der Vergangenheit, Ideologien, die scheiterten und die Ablehnung der heutigen Jugend gegen all diese Ideale gelesen. Individualistisch ist das Schlagwort – von Situation zu Situation wird entschieden, das wurde mir auch getwittert (ideologische Festlegungen, die sich an der links/rechts Dichotomie orientieren haben sich als nicht wirklich tauglich erwiesen. Wichtiger ist, situativ zu entscheiden, ob man kollektivistisch, individualistisch, … – hier und hier). Auf der vierten Seite, die den Titel “4. Ohne Ideologien gehts uns besser” verdient, schließt der Autor mit den Paragraphen:
Denkt man darüber nach, ist es keine schlechte Welt, die die Studenten heute anstreben. Ohne Betonköpfe, die sich im Bundestag anbrüllen wie in den Siebzigern. Ohne Menschen wie Wehner und Strauß, ohne Flugblätter des SDS, Pamphlete von Ulrike Meinhof. Ohne katholische Eltern, die ihren Kindern den Umgang mit Protestanten verbieten. Ohne Umweltpolitiker, die keinem Christdemokraten die Hand geben. Ohne das Radikale, das Polarisierende, das Prinzipielle, welches das 20. Jahrhundert meist so mühselig machte. Vielleicht gibt es keine Generation, der man die Probleme der Zukunft lieber anvertrauen würde als einer, die ohne Scheuklappen nach Lösungen sucht. So gesehen, könnte das Pragmatische die richtige Reaktion auf eine Wirtschafts-Klima-Terrorismus-Krise sein, bei deren Behebung kein Raum für ideologische Grundsatzdebatten bleibt.
“Es gibt diese klaren Feindbilder nicht mehr, auch eine Koalition mit den Grünen wäre heute durchsetzbar”, sagt Spahn. “Ich kenne viele Unternehmer, die nicht nur auf Profit schielen, und genauso viele Gewerkschaftler, die Betonköpfe sind”, ergänzt Lührmann. Und man muss kurz die Augen schließen und sich vorstellen, wie die beiden diese Sätze durch ein Megafon brüllen vor dem ideologischen Publikum der Vergangenheit, Jens Spahn vor alten CDU-Anhängern in seinem Wahlkreis Steinfurt/Borken und Anna Lührmann vor grünen Hausbesetzern in Berlin-Friedrichshain. Dann würde man merken: Sie sind auch nicht weniger mutig als die Sätze von Rudi Dutschke vor Konservativen von damals.
Das Loslösen von Traditionen und Ideologien bringt das was allgemein als Freiheit angesehen wird mit sich – auswählen zu können zwischen richtig und falsch, zwischen Bananen aus Spanien, Marokko oder Argentinien, Hosen von Lewis oder von H&M oder politischen Partein. Aber diese Freiheit macht uns nicht freier, sie bürdet uns im Gegenteil eine riesige Verantwortung auf und überfordert damit viele, wenn nicht die meisten. Barry Schwartz hat in seiner Ted-Rede “Paradox of Choice” und dem gleichnamigen Buch (auf deutsch “Anleitung zur Unzufriedenheit” – Lesetipp!) sehr ausführlich argumentiert, warum! Die Kurzkurzkurzzusammenfassung hier: Wir wollen gute Entscheidungen treffen. Meistens wollen wir sogar die beste Entscheidunge treffen. Das heißt aber intensive Recherche und Marktuntersuchung, denn auf einem globalen Markt gibt es unendlich viele Produkte, die alle Vor- und Nachteile haben. DIE richtige Entscheidung zu treffen ist also praktisch unmöglich.
So geben viele auf und hören auf, neue Ideen zu haben, wie es anders besser gehen könnte. Sie verzichten freiwillig auf die Entscheidung zu sagen, was richtig und was falsch ist.
Im nächsten Blogbeitrag möchte ich versuchen, anhand eines Beispiels zu zeigen wie ich das alles meine, ich hoffe es wird dann klarer!