Strebertum in der 8. Klasse und die Matura

This entry was posted by on Samstag, 19 September, 2009 at

Mittlerweile ist die zweite Woche meiner Achten-Klasse-Erfahrung um und ich bin wieder um einiges Erfahrungen reicher! In besonderer Erinnerung wird mir diese eine Physikstunde bleiben, in der ich endlich verstehen durfte, warum ein gutes Maturazeugnis so wichtig ist!

Mir wurde einfach bewusst, dass man als junger, intelligenter, fähiger, kreativer, gescheiter, kluger, findiger, schlauer und motivierter Mensch keine Verantwortung übernehmen (wollen) darf. Es hat einfach das Ziel eines jeden jungen Menschen zu sein, sich anzupassen – und zwar an die degenerierte, verblendete, konsum- und materialgeile Welt. Es kommt gar nicht in Frage für Klein- und Mittelunternehmen arbeiten zu wollen (sic!) – oder gar selber an eine eigene (sic!) Idee zu glauben und sie umzusetzen (Selbstständigkeit). Wir alle haben uns nicht einzubilden, wir könnten was. Wir haben uns attraktiv zu machen. Für den Arbeitsmarkt! Damit wir dann später etwas wert sind. Aber jetzt erstmal, müssen wir über das Nagelbrett laufen. Nervige Dinge tun wie networken mit Menschen, die wir nicht ausstehen können, für Geschichtetests lernen, die uns sowas von egal sind, uns außerschulisch engagieren (aber bloß nicht bei den falschen Organisationen, Vereinen oder Partein, das wäre hochgradig schädlich für die spätere Karriere!) für Dinge, die uns am Allerwertesten vorbei gehen. Wir müssen Praktika machen – langweilig und unbezahlt. Schulsprecher sein, ins Ausland gehen, Sprachen lernen, Yoga machen – um das dann in den Lebenslauf schreiben. Nicht, weil wir gerne neue Leute kennen lernen, andere Sprachen und Kulturen sehen, weil wir meditieren wollen oder tatsächlich Spaß am Flöte spielen hätten! Nein darum geht es nicht!

Wir müsse besonders sein. Outstanding! Über 40 Prozent eines Altersjahrganges machen mittlerweile die Matura. Und die Jobchancen werden immer schlechter. Pragmatisiert wird kaum mehr. Da wird es immer schwieriger, einen Job zu finden. Die wenigen Jobs, die von multinationalen Konzernen ausgeschrieben werden – und die tatsächlich auf Dauer sicher sind, weil die öffentliche Hand einspringt, sobald das Management, das sich bonigeil den Bauch reibt, kurzfristig denkt, spekuliert und verliert – auf diese Jobs stürzen sich dann hunderte Bewerber. Alle haben sie ihr Leben darauf ausgerichtet, diesen einen, richtigen, guten Job zu bekommen. Jahrelang haben sie sich besonders gemacht, versucht anders zu sein und ja nicht gleich am Anfang durch die Rasteraussiebeverfahren ausgeschieden zu werden. Darum geht es. Deswegen braucht man ein gutes Achte-Klasse-Zeugnis, weil das ist auf der Rückseite vom Maturazeugnis und das muss man überallhin einschicken.

Und das alles wurde mir klar, als es mir erklärt wurde. Endlich ging mir das Licht(k)lein (sic!) auf. Und nicht nur mir, sondern auch ein paar meiner Klassenkollegen. Schließlich hatten sie sich, wie ich, trotz “religiösem Bekenntnis” vom Religionsunterricht abgemeldet – und das ist eine der ersten Aussiebeschritte bei zig Firmen. Schrecklich! Angst!

2 Responses to “Strebertum in der 8. Klasse und die Matura”

  1. Shervin

    Traurig … Ohne Matura kann man heute nichtmal mehr Kaffee kochen …
    Mir fällt es inzwischen richtig schwer, dagegen anzukämpfen, im Unterricht einfach die Hand zu heben und zu sagen „Frau ‘fessor, wozu sollen wir einen Test machen, Ihre Steine und Blümchen interessieren hier keinen!“
    Aber ich verspüre auch großes Mitleid für meine Lehrer. Immerhin werden wir in wenigen Monaten die Schule für immer verlassen, während sie noch für Jahre in dieser Irrenanstalt gefangen sein werden

    • Obwohl jeder von uns da bald daußen sein wird (und um ehrlich zu sein, man lernt schon viel, nicht nur auswendig, sondern auch für’s Leben) ist es unsere Aufgabe mitzugestallten! Viel mehr als wir das bisher tun. Wir müssen uns stärker einbringen. Wer wenn nicht wir, wann wenn nicht jetzt! Die Schule könnte soviele wichtigen Dinge tun. Menschen groß machen, ihnen Selbstvertrauen geben (tendenziell tut sie das Gegenteil, Schüler sind entweder unter- oder überfordert, bekommen seltenst wirklich gutes Feedback, dafür fehlen pädagogisches Verständnis und Zeit/Kapazitäten (sic!)). In der Schule entscheidet sich was aus Menschen wird. Sie muss diese Verantwortung wahrnehmen und es als große Chance sehen unsere Gesellschaft zu verbessern. Aber sie muss es nicht nur so sehen, sondern auch die Möglichkeiten haben sich auszutoben. Einfach mal andere, neue Wege gehen. Deswegen trete ich für deutlich autonomere Schulen ein! Lehrer und Direktion brauchen mehr Gestalltungsmöglichkeiten (das heißt mehr finanzielle, zeitliche und räumliche Recoucren) und eine bessere Ausbildung. Auch die Meinung von Lehrern muss sich in der Gesellschaft ändern (wieder sind wir aufgerufen zu loben, wo es nur geht – intern wie extern!) und der Beruf Lehrer muss ein angesehener Traumberuf sein – nicht was, was man als letzte Alternative macht (gibt es eh kaum mehr, weil so dermaßen an Respekt und Geld gespart wird, dass es nicht dieser “Herumhängjob” ist, der es angeblich mal gewesen ist!
      Abschließen: Doch auch ohne Matura kannst du Kaffee kochen – und noch vieles mehr! Schule und Schulerfolg sagt nichts über deinen Wert als Person (Persönlichkeit) aus. Nicht das geringste!


Leave a Reply