Lebensplanung ist was für Loser!

Geschrieben von Armin Soyka am Donnerstag, 4 Februar, 2010 um 18:35

Aus gegebenen Anlass mache ich mir Gedanken über “Lebensplanung”. Oder meine Gedanken schon fertig. Was rauskommt klingt möglicherweise sehr hart. Aber je provokanter formuliert, desto sicherer eine  Diskussion und die wäre mir gerade bei diesem Thema wichtig: Lebensplanung ist was für Loser, Optimisten brauchen sowas nicht. Komisch? Hier meine Erklärung.

Woher soll ich denn das wissen!?

Ich bin dieses Jahr Maturant. Ich werde zunehmends reifer – oder zumindest von meiner Umwelt in diese Schublade gesteckt. Warum? Na weil ich mich seit 12 13 (Ehrenrunde in der fünften) durch ein verlogenes, ver- und beschissens, unfaires, frustrierendes und langweiliges Schulsystem gequält und geschummelt habe. Jetzt steht DIE MATURA vor der Tür1 und zunehmend öfter werde ich gefragt, was ich nach der Schule machen möchte. Alle fragen mich. Nicht nur die alten, die Mütter und Väter meiner Freunde. Auch meine Freunde fragen mich, meine Geschwister, selbst mein Zahnarzt hat mich schon gefragt. Ich hab Glück. Ich sag einfach Wahlkampf. Wenn die Matura vorbei ist im Juni, dann kommen drei spannende Monate auf mich zu. Am 10. Oktober wird in Wien gewählt und ich bin auf dem unwählbaren sehr wählbaren (her mit euren Vorzugsstimmen!) 24. Listenplatz (Rede zur Wahl / wofür ich kandidiere) – sprich ich werde auf dem Zettel mit den vielen Namen stehen und ihr könnt mich so wahlberechtigt wählen. Aber was ich danach mache? Keine Ahnung. Woher soll ich das denn wissen?! Zivildienst? Vielleicht eine Weltreise. Oder vielleicht sitze ich im Gemeinderat, weil 7000 Wienerinnen und Wiener beschlossen mich den anderen grünen KandidatInnen vorzuziehen. Woher bitte soll ich denn das wissen?!

Ihr seids schon witzig.

Die Zeiten werden schneller. Das war schon immer so. Auto, Flugzeug, Internet, irgendwann werden wir uns in Lichtgeschwindigkeit beamen. Früher erlernte man einen Lehrberuf und führte ihn ein Leben lang aus. Heute wird uns “Jugendlichen” und reifen MaturantInnen an jeder Ecke erzählt, dass wir niemals eine (staatliche) Pension sehen werden, dass wir 20 Mal den Job wechseln werden, unsere Zukunft ungewiss sei. Und dann fragt ihr uns wie unser Leben ablaufen wird – und mit der Frage setzt ihr in unseren Köpfen Anker. Wir denken dann nämlich, wir müssten mit 17 / 18 / 19 wissen, wie unser Leben ablaufen wird. Wir beginnen dann Gedankenkonstrukte zu bauen – Studieren bis 25, erstes Kind mit 28, zweites mit 34. Mit 39 dieser und jener Job. Da fragt man sich schon was zum Teufel denkt ihr euch eigentlich!? Wusstet ihr mit 17 was ihr machen würdet? Oder hat sich das einfach so ergeben? Manchmal frage ich mich, ob gerade Erwachsene, die es ja eigentlich lieb mit einem meinen2 denken bevor sie Handlungen setzen. Ich habe Glück. Ich erwidere ich mache Wahlkampf, dann geben die Meisten Ruhe. Aber was sagen die vielen tausenden Jugendlichen in Wien die dieses Jahr Maturieren und keine Ausrede haben. Sondern einfach nur zugeben können – ich hab keine Ahung. Seid ihr euch eigentlich bewusst, welche psychologische Last ihr auf Menschen ladet, wenn ihr ihnen das Gefühl gebt den Anforderungen nicht zu genügen?! Und genau das ist, was bei dieser Frage passiert.

Noch eine Perversität.

Einerseits sollen wir uns vielfältig bilden, uns für alles interessieren und alles können während wir gleichzeitig vollkommen fokusiert einem Beruf (oder was zum Teufel stellt ihr euch eigentlich vor!?) verschreiben.

Im Leben kommts erstens und zweitens anders als man glaubt.

In meinem Leben ist bisher alles anders gelaufen als ich es geplant habe.Ich hatte nicht geplant, dass mein Vater beim Paddeln drauf geht3, ich hatte dafür geplant in der Wasagasse zu maturieren4. Ich bin fix davon ausgegangen meine AFS Austausch in Washingtonstate zu absolvieren5. Ich hatte nicht geplant bei den Grünen zu kandidieren6.  Im Leben kommts erstens und zweitens anders als man denkt plant. Genau deswegen die Frage. Macht Lebensplanung Sinn? Oder ist sie etwas für Loser. Für Menschen, die sich an konkreten Zielen, die fernab und möglichst unerreichbar sind à la “ich will mit George Clooney zusammen sein”).

Geht es im Leben nicht darum zu genießen? Zu lieben? Geliebt zu werden? Etwas weiterzubringen? Ist es da zielführend sich Ziele über Jahre und Jahrzehnte hinaus zu setzen? Sich auf ein Ziel zu fokusieren!? Natürlich, wenn ich es nicht schaffe meinen Tag zu planen, bekomme ich ein praktisches Problem – wie überall gilt auch hier: zuwenig und zuviel ist aller Narren Ziel. Aber müssten wir nicht eigentlich schleunigst Lernen und fallen zu lassen und einfach davon auszugehen, dass wir gefangen werden? Vertrauen in den Zufall und die Akzeptanz von Dingen, die nicht so laufen, wie wir uns das vordergründig vorgestellt hätten? Ist nicht das der einzige Weg die Türen die sich durch sich-schließende Türen öffnen zu sehen, ihre Chancen zu entdecken und diese zu nutzen?!

Optimisten habens leichter.

Ich habe es letzten hier geschrieben:

Es macht keinen faktischen Unterschied ob du Scheitern als Regel oder als Ausnahme siehst, es macht keinen Unterschied ob du Erfolg als Regel oder Ausnahme interpretierst. Es macht keinen Unterschied ob du nach dem guten oder schlechten im Leben suchst. Es macht keinen Unterschied, ob du optimistisch oder pessimistisch durch dein eigenes Lebens stapfst – außer, außer, dass es dir das eine mal gut gehen wird, du dich fallen lassen kannst und darauf vertraust, dass dein Leben dir immer mehr gutes als schlechtes bringen wird – oder, oder im anderen Fall wirst du dich quälen, unsicher sein, verzweifeln, hoffen, aber die Enttäuschungen werden dich fertig machen. Faktisch wird es nichts ändern – außer wie’s dir geht.

Sich fallen lassen ist nicht leicht. Zuversicht oft schwer zu finden. Optimismus zur Qual und auch das Dauerlächeln tut manchmal weh. Vor kurzem wurde ich von einer Mitschülerin gefragt, was ich in 30 Jahren tun will, sein will. Ich habe lange nachgedacht und schließlich geantwortet. Woher soll ich das wissen? Vielleicht Bundeskanzler. Vielleicht Billahackler. Vielleicht Vater und Hausmann. Was brächte es es zu wissen? Was ich sein will? Glücklich. Was ich tun will? Das richtige.

Der Zauber, der sich Leben nennt.

Wir können alles planen und dank Internet können wir alle daran teilhaben lassen. Wir können uns auf sture Konzepte verlassen und unser Leben durchbeten, es unseren Gurus nachbeten. Wir können es über uns ergehen lassen um dann die Pension (haben wir die?) genießen zu können. Wir können das Leben teilen in Arbeit und Freizeit. Wir können alles festlegen und uns dauernd disziplinieren. Aber es das, was wir wollen. Ist das, was das Leben schön macht? Bunt? Abwechslungsreich? Ist nicht der Unterschied zwischen Mensch und Maschiene, dass wir uns fallen lassen können? Uns ins Ungewisse vorwagen können? Kreativ – also frei von Regeln – handeln, denken, fühlen können? Sollten wir nicht genau das tun. Dauernd? Immer?

Es ist schwer. Oft unmöglich. Aber es geht doch. Ihr, die ihre Fragen stellt, die zerstören, Angst mchen, Unsicherheit schaffen und Zweifel nähren – hört auf damit! Sofort. Und ihr, die ihr verunsichert werdet. Glaubt an euch. Lasst euch fallen. Ihr werdet gefangen. Immer. Jeder Mensch ist unglaublich wertvoll. Mein Eindruck: Die wenigsten erkennen das. Wichtig ist der Glaube an sich. Nicht der Job in spe7. Lebensplanung ist was für Loser. Es so zu nehmen wie es kommt und die Tagesseite der Medailie finden und genießen – das ist schwer, aber das ist schön. Unendlich wundervoll. Probier es aus.

Photocredits: David Gutierrez

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  1. das weiß ich so genau, weil KEIN Lehrer darauf vergisst uns MaturantInnen jede Stunde drei bis fünf mal daran zu erinnern um uns möglichst viel Angst vor der eigentlich lächerlichen Prüfung zu machen []
  2. ich denke an die backekneifende Oma, die neue Freundin von Papa oder der oben schon angesprochene Zahnarzt []
  3. Wildwasserpaddelunfall am 29. August 2005 []
  4. ist nicht so gekommen, weil ich wieder Schule gewechselt habe []
  5. gelandet bin ich in Arizona bei einem schwulen Pärchen []
  6. dann kam Marco und ich fand die Idee gut []
  7. heißt soviel wie der kommende Job – Wikipediaartikel []

12 Kommentare zu dem Artikel “Lebensplanung ist was für Loser!”

  1. wieder ein spannendes thema! :)

    ich geb dir großteils recht – sich dem lebenslaufpunkte-sammeln hinzugeben, macht nicht viel sinn. bin ich aber auch erst nach einigen semestern an der uni und der schaffertom’schen balu-style-schule draufgekommen – immerhin hab ich ja auch immer gehört, wie schwer es in zukunft sein wird, einen job zu bekommen und dass man mindestens 457845 auslandssemester, 8475745 sprachen können und sowieso 45848578 praktika mit anfang 20 absolviert haben muss.

    hab vor ein paar jahren auch mal was dazu geschrieben: http://zurpolitik.com/2007/09/26/besser-ein-tag-am-strand-als-im-buro/

    was ich aber schon als wichtig empfinde, ist, sich klare ziele zu setzen und zu versuchen, diese zu erreichen – klar ändern sich diese regelmäßig, in ihrer ausprägung und in ihrer richtung, dennoch glaub ich, dass dir ziele helfen, erstens einiges an komplexität zu reduzieren und zweitens auch viel leichter etwas zu erreichen – und sei’s, die welt zu verändern, glücklich zu sein… ziele sind find ich was greifbares – und demnach auch was motivierendes. und lenken bei nicht so tollen lebensphasen den fokus vll. auch eher weg von der problem-perspektive. wobei viele kleine ziele wahrscheinlich zielführender sind als die weltherrschaft ;)

    wink wink von miss ex(zessiv)-lebensplanung :)

    • Hey Pezi,
      ich habe jetzt erst im reflektieren und diskutieren (offline und Facebook) drauf gekommen, dass ich eigentlich mein: Leute habt den Mut die Ziele, die ihr mal hattet aufzugeben. Vorstellungen ändern sich. Zeiten ändern sich. Memschen ändern sich. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da wollte ich nichts dringender werden als Fußballprofi. Chancen? Gleich null. Du kannst nicht mit 16 (fast 17) Jahren beginnen Fußball zu spielen und in drei vier Jahren aufholen, was andere in 17 Jahren lernen und üben. Aber ich hatte ein Ziel. Es hat mir ungehäuer viel Kraft gegeben. Ich bin sechs, sieben, manchmal acht Stunden am Tag am Platz oder eigetnlich meistens im Käfig gestanden und hab gekickt. An meinem Innen- und Außenrist gearbeitet und ich bin besser geworden. Schnell und extrem. Villeicht hätte ich das unmögliche möglich gemacht. Aber vielleicht – hätte ich es probiert – wäre ich auch nur einem alten Traum nachgelaufen. Meine Ziele haben sich geändert. Es kommt darauf an den Mut zu haben das zu erkennen und die Augen offen zu halten um die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erkennen – umzulenken bevor man für die Katz arbeitet.

  2. Sehe das im Wesentlichen genauso wie du, Armin. Kann dich übrigens beruhigen, dass du diese Frage rund um die Matura nicht zum letzten Mal gestellt bekommst, irgendwie sehen Menschen in allen möglichen Situationen Weichenstellungen, anlässlich derer sie dich auf zukünftige Lebensplanungen ansprechen wollen. Hat sicherlich mit dem von dir geschilderten “alten Weltbild” zu tun, dass früher tatsächlich in diesem Alter oftmals noch ganze Lebenswege vorgezeichnet wurden. Wer zu viel plant, wird jedoch die Chancen, die sich ungeplant ergeben, übersehen.

    Meine Antwort auf solche Fragen geht daher meistens in die folgende Richtung: Ich weiß, dass die vielen interessanten Sachen, die ich mache, (abgesehen vom persönlichen Interesse, der Freude daran und dem Veränderungswillen als wesentliche Triebfedern (auch)) eine gute Basis für viele zukünftige Sachen sind und mir die Möglichkeit geben, auf viele plötzliche Chancen eingehen zu können. Inwieweit ich auf diesem Weg Ziele konkret anstrebe bzw. sich Möglichkeiten zufällig ergeben oder neue Ziele entstehen, liegt dann ganz in meinem Ermessen bzw. Gefühlszustand… ;-)

    Bravo zu den Worten zu Kreativität, Optimismus und Glaube an sich selbst! Noch eine Anmerkung: Scheitern kann man im Endeffekt gar nicht, da man bei einer Entscheidung niemals die Alternative leben kann (Paralleluniversen lasse ich mal außer Betracht), von daher ist jede Entscheidung die richtige.

    @pezik: Stimme mit dir überein, dass Ziele gerade als Orientierung hilfreich und wichtig sind. Wichtig ist halt ebenso im Sinne des oben Geschriebenen, sich nicht auf ein Ziel zu versteifen, sondern ein gewisses Zielspektrum (wenngleich auch kein Zielkontinuum) im Blickfeld zu haben.

    • Ich hätte jetzt gerne den kleinen Prinzen zitiert, wie er erklärt, dass Erwachsene fragen wieviel Geld das Haus gekostet hat, wiegroß es ist oder wieviele Fenster es hat und nicht wie die Spatzen von den Dächern pfeifen oder wie schön die Blumen davor wachsen. Aber ich finde die Stelle nicht im Internet. Andi, ich bin vollkommen deiner Meinung – wir reden haben die falschen Schwerpunkte, fokusieren auf falsche Schwerpunkte. Die Frage muss sein wie werden wir glücklich nicht wie werden wir reich. Scheitern gibt es nicht – das wollte ich mit diesem Artikel sagen. Bzw, dass es den Mut braucht sich fallen zu lassen und das zu genießen was kommt – eben, damit das Leben genussvoll, nicht leidvoll ist.

  3. “Scheitern kann man nicht (u.a. weil man niemals die Alternative leben kann).”

    Mhm. Der Satz gibt mir zu denken. Ich würd sagen: Natürlich kann man scheitern. Man kann am Lebensende zurückblicken und ahnen, dass man an bestimmten Punkten die falschen Entscheidungen getroffen hat. Schon klar, dass ich mit dieser Ansicht nicht en vogue bin. Ich weiß ja, was der MTV-Zeitgeist in solchen Situationen sagt: “Ich bereue nichts, ich würde alles nochmals so machen”, aber das halte ich – gelinde gesagt – für eine Verirrung. Die Leute müssen sich immer alles schön reden und verschließen die Augen davor, dass ihre Entscheidungen eben “falsch” sein können. Weil sie es nicht ertragen können, dass diese Möglichkeit besteht.

    However, der Blogeintrag war für mich völlig nachvollziehbar, nur an diesem “nicht scheitern können” hier in der Diskussion hab ich mich gestört. Meine Gegenthese: Natürlich kann man scheitern, und zwar mit Pauken und Trompeten, und dazu brauch ich kein Paralleluniversum, dazu hab ich die Fähigkeit der Reflexion, die mir nach bestimmten Entscheidungen nahelegt, die Konsequenzen einer anderen Handlung wären wahrscheinlich besser gewesen.

    • Ok. Also natürlich kann man scheitern. Man kann gesetzte Ziele nicht erreichen. Aber man kann nicht vollständig scheitern. Das war, was ich gemeint hatte. (Andi, du auch?) Aber was heißt das? Man muss die Akzeptanz erreichen auch mit “failure” Leben kann, die Abgeklärtheit die sich öffnenden Türen zu sehen, die beim Scheitern immer aufgehen.
      Trotzdem. Ist es schönreden, wenn ich sage, ich bereue nichts? Ja, ich habe Schularbeiten verhauen, Menschen geschlagen, Liebende enttäuscht. Ich habe Fehler gemacht. Aber muss ich die bereuen? Ist das schönreden? Ich hatte immer die Wahl. Ich habe mich manchmal optimal entschieden, oft nicht – zumindest wirkt es im Nachhinein so. Aber woher soll ich wissen, dass nicht die Entscheidung, die ich im Nachheinein als flasch einstufe genau die war, die mir eine Tür aufgestoßen hat, die sonst nicht aufgegangen wäre / ich sie übersehen hätte? Ich kann es niemals wissen. Was ich weiß: Mir geht es in meinem Leben gut. Ich habe manchmal Schmerzen – aber ich habe kein Leid. Ich habe manchmal Sorgen – aber ich habe keine Angst. Ich hadere manchmal – aber ich kann akzeptieren. Ich bin ein glücklicher Mensch? Luca meint immer ich rede mir das ein. Ich glaube das nicht. Aber am Ende ist es egal. Wie ich in dem Zitat schreibe. Ich lebe. Ich liebe. Mir gehts gut. Gibt es etwas, das zählt? Werde ich so am Ende meines Lebens zurückblicken und sagen – oh damn das war shit? Ich glaube es nicht. Kann ich es wissen? Nein. Habe ich Angst? Nein. Bereue ich? Nein. Genieße ich? Ja. Habe ich Fehler gemacht? Ja. Bin ich gescheitert? Bisher nicht.
      Um den Kommentar abzurunden: Es sollte Spaß machen auch mal falsch zu liegen. – ganzer Text hier: http://arminsoyka.at/joomla/meine-standpunkte/67
      “Mir macht es Spaß zu hinterfragen, mir macht es Spaß zu denken, mir macht es Spaß mit anderen über meine Gedanken zu diskutieren und es macht mir Spaß falsch zu liegen. Seit mir das bewusst ist ist mein Leben deutlich angstfreier, lockerer und lebenswerter geworden ist.”

      • Deine Blogeinträge befassen sich ja oft mit der Frage, wie der Einzelne sein Leben bewältigen kann und soll und sind u.a. unter dem Begriff „ars vivendi“ (Lebenskunst) zu subsumieren: Wie werde ich glücklich? Wie führe ich ein Leben, auf das ich am Ende meiner Tage zufrieden und erfüllt blicken kann?
        Nun sagst Du, du bereust nichts, denn dir gehe es nun gut, manche „falsche“ Entscheidung habe neue Türen aufgestoßen, die Dir sonst verschlossen geblieben wäre. Aber in Deinen Beispielen kommen nur selten Mitmenschen vor: Gerade im Zusammenleben mit Anderen kann ich doch bereuen, etwas falsch gemacht zu haben, oder? Denn: Mit der Strategie des Zeitgeistes „Ich bereue nichts, denn alles, was ich getan habe, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin“ muss ich auch das schlimmste Verbrechen nicht bereuen. Ein KZ-Aufseher kann das genauso sagen. Allein daher halte ich diese Strategie für – man verzeihe – Schwachsinn.

        Ich weiß, wie nun Dein Einwand lautet: Dies ist ein Extrembeispiel. Solche Beispiele hast Du nicht gemeint.

        Und hier sieht man die Grundproblematik eines Textes, der Empfehlungen für ein glückliches Leben abgibt: Sie lassen sich schwer universalisieren. Sie sind immer nur in ganz konkreten Lebenssituationen für ganz konkrete Menschen gültig, aber sie taugen überhaupt nicht als Regeln für ein gelungenes Leben. Insofern muss man Deinen Blogeintrag als das lesen, wie er wohl auch gemeint war: als Tagebucheintrag, nicht als philosophische Reflexion über das gute Leben. Ein philosophischer Text müsste die Grundannahmen der Phrasen freilegen, ein essayistischer Tagebucheintrag, wie Du ihn verfasst hast, darf auch gerne mal polemisieren und plakativ bleiben.

        (Dieser letzte Absatz dient mehr meinem eigenen Verständnis: Ich lese Deinen Blog regelmäßig, halte ihn für interessant, möchte wissen, was einen Jungen in Deinem Alter interessiert, aber dann beim Kommentieren weise ich oft auf die – nach meinem Empfinden bestehenden – Argumentationsschwachpunkte hin – und dabei verkenne ich vielleicht schlicht die Textgattung. Ich sollte diesen Blog eben nicht als philosophische Abhandlungen lesen, denn sie sind ja nicht wissenschaftlich gemeint, sondern als Tagebuch mit Gedanken, die für DICH Gültigkeit haben, aber nicht als Regeln taugen für uns und das Zusammenleben.)

        • Natürlich bringe ich auf meinem Blog in meine Argumentation persönliche Erfahrungen und Eindrücke ein. Ich schreibe hier nicht mit der Intention ein Tagebuch zu verfassen, welches zufällig anderen einsichtig ist. Ich schreibe hier, weil ich gemerkt habe, dass es Menschen gibt die sich dafür interessieren. Ich schreibe hier, weil es Menschen gibt, die davon profitieren. Ich versuche meine Brille abzunehmen. Zu reflektieren und erst dann zu schreiben. Für den Rest sind die Kommentare da. Übersehe ich etwas, ist es des Lesers Aufgabe mich zu kritisieren. Aber es ist natürlich dir überlassen meinen Blog einzuordnen, wo du das für sinnvoll/richtig hälst. Ich kann dir nur die Intention(en) des Autors darlegen.
          Der Begriff “ars vivendi” finde ich triffts ganz gut. Über die Lebenskunst. Wie das Leben schön ist. Nicht nur meine Logik sondern auch mein Feedback bestätigen mich darin, dass es ohne Reue deutlich besser läuft. Ich muss dich enttäuschen. Die These inkludiert (zumindest solange du mich nicht eines besseren überzeugst) auch die Extremfälle, die du ansprichst. Menschen machen Fehler. Aber
          warum soll ich bereuen, wenn ich nicht ungeschehen machen kann? Ja, ich mache Fehler. Und diese Fehler ziehen Konsequenzen nach sich. Diese Konsequenzen muss ich tragen. Ich kann auch einsehen, dass ich Fehler gemacht habe und mich weiter entwickeln, aber ich werde das Leid, welches durch meine Fehler entsteht nicht durch mein eigenes Erweitern. Versteh mich bitte nicht falsch (außer du willst umbedingt, dann kann ich eh nichts machen), was damals ablief war schrecklich – aber es gibt dummen Umgang damit und klugen. Ja das war falsch, aber Faktum ist, dass es passiert ist. Warum? Analysieren. Wie verhindern? Überlegen. Schlecht fühlen? Nicht zielführend. Oder bist du ein Freund der “Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn”-Mentalität? Ich möchte nicht entscheiden wer Täter und wer Opfer war/ist.

          • ich fasse zusammen und gebe dir in einem punkt recht:

            deine position “ich bereue nichts, denn ich kann es nicht ungeschehen machen und es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin, und ich bin gerne derjenige, der ich heute bin” macht einem zu einem glücklicheren menschen. natürlich ist der glücklicher, der nicht bereut, der seine handlungen im nachhinein rationalisiert und sagt “es war gut so.”

            damit hast du absolut recht.

            mein punkt ist, dass es dich zwar zu einem glücklicheren, aber nicht zu einem “besseren” menschen macht. die oben skizzierte position ist u.a. die position des egomanen, des ethischen säuglings (wie er im diskurs genannt wird). nicht bereuen bedeutet ja, keine fehler einzugestehen, und wer keine fehler eingesteht, der reflektiert die moralische dimension seines handelns nicht und ist daher nicht zu einem moralisch besseren handlung in der zukunft fähig.

            das ist mein punkt, und da verlasse ich eben die ars vivendi und betrete den boden der ethik. natürlich ist der kz-aufseher, der sein morden nicht bereut, glücklicher als der kz-aufseher, der tagtäglich bereut. aber aus moralischer sicht würde ich den bereuenden aufseher höher einschätzen, denn auch wenn es seine taten nicht ungeschehen machen kann, spielt gesinnung in unserem urteil über moral eine ganz, ganz zentrale rolle. (siehe moralphilosophie kants, siehe dein bauchgefühl bei moralischen entscheidungen.)

            im übrigen kritisiere ich oben nur die position als egomanisch, nicht dich als person, denn du scheinst – soweit ich es deinem blog entnehmen kann – gerade das gegenteil des egoisten zu sein. umso mehr wundert mich die “ich bereue nichts” position.

            fazit: macht spaß. :)

          • Vielleicht wird der Kommentar jetzt über deinem angezeigt, ich habe nur in 5 Schachteln kommentieren erlaubt.
            Reue hat für mich mit Leid zu tun. Ich gestehe Fehler. Offen, wie nur sehr wenige Menschen (achtung: subjektiver Eindruck). Ich bin mir meiner Fehler (meistens) bewusst und arbeite an ihnen. Ich bereue sie aber nicht. Denn – ich wiederhole mich – sie haben mich zu dem gemacht der ich bin. Und das ist / war gut für mich und viele andere, die von mir profitiert haben. Ist das moralisch wertvoller? So Grabe zu kriechen, weil man – vollkommen menschlich – Fehler gemacht hat? Oder ist ehrliches Bedauern, Entschuldigen und versuchtes Bessermachen nicht genug? Muss ich meine Menschenwürde ablegen und mich durch Reue unterwerfen? Vielleich haben wir lediglich eine Begriffsverwirrung, aber ich bin gehgen Reue. Und ich bin gegen Leid. Ich möchte nicht leiden und ich möchte nicht, dass die Menschen in meinem Umfeld leiden. Dazu ist das Leben zu kurz und könnte zu schön sein. Verschwendete Zeit und Lebensenergie.

  4. Harald Fassler

    Mir persönlich ist intensive Lebensplanung ebenfalls zuwider. Es mag Leute geben, die genau

    wissen, wann sie welchen Schritt setzen werden, wann sie welches Ziel erreichen wollen und

    möglicherweise damit auch durchkommen. Die Gefahr von Frustration ist dabei aber ständig

    evident.
    Umgekehrt finde ich es auch nicht richtig, sich einfach treiben zu lassen. Damit meine ich, dass

    es zuwenig ist, sich in vollkommene Passivität zu begeben und von aussen bestimmen zu lassen.

    Die Gleichgültigkeit dem gegenüber, was kommt, impliziert doch eine Gleichgültigkeit meiner

    Umwelt, meinen Mitmenschen gegenüber, nicht?

    Am wichtigsten finde ich, dass man sich selbst gut kennt. Man muss ab und zu in sein inneres

    Reisen, um auf der großen Reise “Leben” vorwärts zu kommen. Wenn man weiß, wer man ist, weiß man

    auch, was man mag und was man ablehnt. Wofür man eintreten kann und welchen Konzepten man

    skeptisch gegenüber steht. Es hat auch viel mit Wissen und Aufklärung zu tun. Oft gibt es im

    Leben Situationen, in denen man das eigene Weltbild überdenken muss. Daher muss man sich

    zusätzlich immer eine gehörige Portion Offenheit erhalten.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen, daher wird die eigene Persönlichkeit am stärksten durch

    andere Menschen geprägt, die einem im Leben begegnen oder begleiten. Das ist aber keineswegs

    deterministisch gemeint. Man bleibt trotzdem immer man selbst mit den eigenen innewohnenden

    Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen, Vorstellungen, etc.. Dieses Selbst unterliegt einer

    ständigen Querprüfung mit dem Erlebten und formt wieder unser Selbst weiter. Dieser Prozess ist

    niemals abgeschlossen. Auch im hohen Alter kann man noch neues erfahren und dazulernen.

    Meine eigene Berufswahl habe ich, wenn es mir auch damals noch nicht so klar war (es war also

    kein Plan) bereits nach der Unterstufe getroffen. Damals haben mein Interesse für Computer

    einerseits und mein Freundeskreis andererseits zur Anmeldung an einer höheren berufsbildenden

    Schule für EDV und Organisation geführt. Diese Entscheidung war eindeutig zu früh, und auch nach

    der Matura ist es noch immer sehr früh. Heute würde ich sicher eine andere Wahl treffen, weil

    ich mich besser kenne als früher, aber ich bin nicht unglücklich darüber.
    Generell ist mein Eindruck, dass die Chancen auf einen Job für Absolventen von berufsbildenden

    Schulen sehr hoch sind. Bei den Studiengängen sind die Chancen je nach Studienzweig sehr

    unterschiedlich und es wird stark selektiert. Also je mehr Wissen und je fundierter die

    Ausbildung, desto größer die Berufsaussichten.
    Ob einem das wichtig ist muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Es wäre allerdings

    schade, wenn ein intelligenter Mensch seine Fähigkeiten nicht nutzen würde. Einer meiner

    Lieblingssprüche lautet: Arbeit macht das Leben süß. Damit will ich sagen, dass ausschweifender

    Müßiggang die Genussfähigkeit negativ beeinflusst und eine sinnvolle Aufgabe sich sehr positiv

    auf das Selbstwertgefühl auswirkt. Den finanziellen Aspekt darf man auch nicht ausser Acht

    lassen.

    Auch wenn ich Dich noch nicht so gut kenne, so kann ich mir gut vorstellen, dass sich für Dich Studiengänge, die sich mit Medien und/oder Politik beschäftigen, gut eignen würden. Also z.B. Publizistik, Journalismus, Medienwissenschaften, Politikwisschenschaften oder ähnliches. Wenn Du Dir dabei noch unsicher bist, dann gib Dir selbst noch genug Zeit zur Selbstfindung. Wichtig ist: Dem eigenen Herz folgen, dran bleiben und nichts bereuen, die geschehenen Dinge als Teil der eigenen Geschichte annehmen. Viel Glück! ;-)

  5. Lieber Armin,

    ich glaube, wir haben tatsächlich eine Begriffsverwirrung. Ich glaube, was ich unter “Reue” verstehe nennst Du “ehrliches Bedauern, Entschuldigen und versuchtes Bessermachen”. (Tatsächlich sperren sich viele gegen den Termins der “Reue”, wahrscheinlich haben 2000 jahre christentum dem Begriff geschadet.)

    Insofern, so glaube ich, liegen unsere Positionen wohl nur um eine Haaresbreite auseinander und wir können die Diskussion ruhen lassen.

    Es hat mir Spaß gemacht, bis bald.


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