Isabella erzählt
Ich bin wieder zurück in meinem Beruf. 32 Stunde pro Woche drücke ich die Schulbank. Zum 12 mal bin ich nach 2-monatiger Pause meine Ausbildungsstätte(, die leider nur sehr teilweise auch als Bildungsstätte fungiert) zurückgekehrt und wie jedes Jahr habe ich wichtige und tolle neue Vorsätze mitgenommen. Seit 8 Tagen beobachte ich den Unterricht und alles was sonst noch in dem Lehr- (leider kaum Lern- und Lebens-) Raum vorgeht sehr genau. Und es brennt mir schon ganz gehörig unter den Fingernägeln. Mindestens 10 verschiedene Dinge, die mir auffallen wollen dokumentiert, kritisiert und anschließend hoffentlich (via Kommentare) diskutiert werden.
Also ich habe vor dieses, mein letztes Schuljahr kritischer als sonst zu betrachten und regelmäßig und oft darüber zu bloggen. Aber die Zeit. Ja, die macht einem leider öfter einen Strich durch die Rechnung, aber daraus lasse ich mir keinen Strick drehen und beginne jetzt einfach.
Und zwar mit der Isabella. Sie habe ich heute beim Nachhausefahren mit der Straßenbahn interviewed. Wie ihr die neue Schule gefällt? Was es auszusetzen gibt. Wo man etwas verbessern könnte und wie das denn vielleicht ginge.
Es waren nur ein paar Sätze, die wir gewechselt haben, aber die sind umso wertvoller. Wie’s ihr gefällt? Na gut natürlich, es ist schon spannend. Alles neu, alles anders, alles interessant. Kurzum, sie freut sich über die Herausforderung, ja sogar die Hausaufgaben, die die meisten (etwas) älteren Schüler und Schülerinnen als nervige Pflicht sehen. Auf die Frage, was ihr nicht sogut gefällt denkt sie etwas nach und antwortet dann aber bestimmt, mit einem schmunzelnden, verschmitzten Grinser, der etwas von Scheu, etwas von Angst, etwas von Verlegenheit hatte und sehr viel über die Art des Umgangs mit Kritik in unserer Gesellschaft aussagt: “Die Lehrer”
Warum denn? Was sei denn falsch mit denen? “Naja, die könnten schon etwas freundlicher sein!”
Über die genauen Umstände kann ich nur Vermutungen anstellen, aber anscheinend fühlt sie sich nicht (wert)geschätzt, nicht geliebt, nicht unterstützt oder zumindest nicht genug von alle dem. Anscheinend fehlt ihr Vertrautheit (die in 8 Tagen zugegebener Maßen schwer aufzubauen ist). Anscheinend fehlt etwas, das fragt man Hirnwissenschaftler für das Lernen durch Spaß statt Angst grundlegend ist: die Sympathie.
Nur über den Religionslehrer hat sie sich positiv geäußert. “An dem hab’ ich eh nichts auszusetzten.”
Was will ich bezwecken mit diesem Post?
- hinterfragen wir dem Umgang mit Kritik! Sie ist Voraussetzung für persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung und nicht nerviges Geschwatz von Menschen, die keine Ahnung haben. Dieses 10 Jährige Mädchen beobachtet. Ganz genau. Die ist sowas von blitzgescheid. Die Frage ist: Nutzen wir dieses Potenzial oder lassen wir es vertrocknen.
- hinterfragen wir den Umgang zwischen Lehrern und Schülern. Warum muss es einen mächtigen Lehrkörper und einen unwissenden Schüler geben? Warum steht nicht das gemeinsame lustvolle Lernen im Fordergrund (geleitet und moderiert von Pädagogen). Warum muss man Sie sagen? Warum wird der Respekt nicht erarbeitet sondern erzwungen? Führen durch Vorbild oder durch Angst, das sind denke ich die zwei Optionen!
- denken wir nach, sind wir selber (selbst)kritisch, hinterfragen wir uns und machen das was richtig ist, nicht das was andere von uns erwarten
- hören wir einander zu, anstatt einander zu überbrüllen
Die Zukunft (der Jugend) ist zu wichtig um sie zu verschlafen oder zu überhören!
Also, mal als Einstieg, möchte ich dir schon mal Recht geben mit dem Ausdruck kaum “Lern- und Lebensraum”. Oft bedauere ich es, nach beispielsweise den Sommerferien, wieder in die Schule zurückzukehren, denn dann beginnt wieder der Eintönige Ablauf. Man setzt sich mit Dingen auseinander, die einen nicht interessieren, die vielleicht nur als Gehirntraining nützlich sind. Sachen, die man lernt und vergisst. Und nicht lernt und VERSTEHT. Es gehen Stunden dafür drauf, dass man manchmal vor Langweile einschlafen könnte. Und verhält man sich nicht so, wie es der Lehrer Wunsch ist, muss man damit rechnen, eventuell blöde Kommentare, etc. zu kassieren.
Es ist, für manche zumindest, sicher etwas, was man als Zeitverschwendung bezeichnen kann (zum Teil), nach einer zwei Monate langen Pause, die sicherlich bestmöglich genützt werden kann, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, Dinge erkundet, Dinge hinterfragt und so Tag für Tag ein Stückchen weiser wird. =D
Ich möchte jetzt gleich auf den Punkt mit den Lehrern kommen:
Ich verbringe dieses Semester ja in Kanada, in Toronto. Was ich hier erlebt habe in der Schule, hat mich sehr überrascht, und zwar positiv. So hätte ich mir es nicht im Traum ausmalen können. Und ich würde sagen, es hat zum Teil auch damit zu tun, was du bereits mit „Lehrer, Respekt“ erwähnt hast. Was mich bereits am ersten Tag richtig gewundert hat, ist, dass die Schüler gegenüber den Lehrern hier lange nicht so respektvoll sind, wie es bei uns der Fall ist. Sie sagen klipp und klar ihre Meinung, und hin und wieder kommt das sehr frech rüber in meinen Augen. Aber dadurch bekommen sie keine Probleme. Nachdem ich hier nur ein halbes Jahr verbringe, durfte ich (nach einem ziemlich guten Assessment Test) wählen, was ich wollte. Und zwar wirklich alles. Deshalb habe ich jetzt Fächer aus verschiedenen Schulstufen. Und man merkt schon einen Unterschied. In Grade 10, wo ich Spanisch habe, sind vor allem Schülerinnen sehr respektlos und spitzzüngig. Man spürt noch das typische „Schüler gegen Lehrer“, und hin und wieder fallen wirklich, wirklich fiese Bemerkungen. In Grade 12 jedoch ist doch, ich würde sagen, Schätzung da. Respekt in dem Sinne, dass SchülerInnen sich trotzdem trauen, IMMER ihre Meinung zu sagen, ganz egal, wie sehr sie von der des Lehrers abweicht, aber trotzdem auch das anhören und darüber nachdenken wollen, was der Lehrer sagt, ohne es von Anfang an zu verurteilen, als „Blödsinn“ zu sehen. Es kommt oft vor, dass unser Philosophielehrer bei einer Idee eines Schülers sich nicht sicher ist, dann sagt er nur, aha, interessant, so hab ich darüber noch nicht nachgedacht. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob unsere Ansichten da übereinstimmen, aber lass mich bis zum nächsten Mal darüber nachdenken. Und das ist vielleicht von einem Philosophielehrer zu erwarten (oder wäre es event. Von einem Religionslehrer auch – siehe dein Bsp.), allerdings sind es auch andere Lehrer, die ähnlich reagieren, was ich persönlich bewundernswert finde. Ich weiß nicht, ist es das, was du gemeint hast? Mit Respekt erarbeiten. Dass, je älter die Jugend wird, je mehr sie lernt und VERSTEHT, sie auf einem anderen Niveau mit dem Lehrwesen kommunizieren kann?
Denn das ist leider etwas, wo ich aus Erfahrung sagen kann, dass es sich in unserer Schule nicht immer so abspielt, wobei es Ausnahmen (und da denke ich an mindestens 2,3 – jetzt bei uns) natürlich immer gibt
WOW! Einfach nur schön geschrieben. Das macht Hoffnung. Ich hoffe du kommst mit vielen Ideen von deinem Austausch zurück und viel Motivation sie auch umzusetzen. Ja in die Richtung war es gemeint. Respekt erarbeiten, indem man den Schülern, “über denen” man laut Gesetz stünde, das Gefühl gibt auf einer Stufe zu stehen. Ihnen das Recht geben sich zu artikulieren und auf ihre Meinung wert legen!
Salve Armin! Verena von AFS *ehschonwissen*
Ich bin begeistert von deiner Idee mit jungen Schülern zu plaudern und verstehe auch deine Interpretation von “die Lehrer könnten freundlicher sein”: Sie unterstützen sie zu wenig, helfen ihr zu wenig sich zu entfalten, machen ihr keine Freude am Lernen.
Genau hier stehe ich persönlich oft an. Angenommen alle Lehrer wären, so utopisch es ist, sympathische Personen, die einem das Leben nicht schwer machen sondern erleichtern und einen fördern. Ist es nicht genau diese Schwierigkeit, die Schule auch ausmacht? Ist es nicht die totale Abneigung gegen 2 deiner Lehrer, die dir lehrt, trotzdem einen Weg finden zu müssen, um mit solch schwierigen Leuten (und die werden dir im Lauf des Lebens dauernd über den Weg laufen) eine Einigung zu finden. Ich denke dass Lehrer, in all ihren seltsamen Facetten, einen wichtigen Teil in der Persönlichkeitsbildung darstellen. Denn sie sind in gewisser Weise eine Stichprobe der gesamten Gesellschaft, die einen nicht immer liebt, sondern oft auch Hürden stellt.
Sry, für diesen ernüchternden Beitrag. Ich denke, es ist total notwendig, dass Lehrer an pädagogischer Ausbildung dazugewinnen und das Schulsystem ist sowieso komplett im “Popo”. Aber ich sehe es halt gerne von der anderen Seite ….
Schön, dass es Interesse gibt, dass die Message aufgenommen und diskutiert wird. Ja Verena, ich bin absolut deiner Meinung – jeder Mensch muss seine Persönlichkeit entwickeln (aktiver Vorgang, nichts was einem gelehrt werden könnte). Und ich teile deine Auffassung, dass – wenn man schon nicht super interessante Sachen lernt, geniale Projekte macht oder seine eigenen Ideen verwirklichen und diskutieren kann, man zumindest die Chance hat ungeheuer zu wachsen. Lehrer stellen zwar keinen “echten” Querschnitt durch die Gesellschaft dar, du hast aber eine ganz gute Wahrscheinlichkeit auf ein paar zu treffen, die du, sagen wir ganz und gar nicht schätzt, mit denen du aber trotzdem lernen musst umzugehen. Auf sie einzugehen ist nicht immer leicht und dich ihnen unterzuordnen auch nicht! Du lernst es – du hast keine andere wahl. Aber du lernst eben dich unterzuordnen. Das ist oft bis manchmal wichtig im Leben, aber ich bin der Meinung – und da scheinen sich unsere Ansichten zu trennen – dass dieses unterordnen lernen 1.) schon viel zu oft in unserer Gesellschaft passiert und 2.) das nötige Maß in keinster weiße an der Schule stattfinden sollte. Lehrer sollten inspirieren, Lehrer sollten diskutieren, Lehrer sollten Lernmöglichkeiten aufzeigen. Aber sie sollten motiviert, intelligent, lustig, weise und kritisch sein und all diese Dinge auch noch weitergeben können. Das ist bei vielen Lehrern einwandfrei gegeben, bei manchen weniger, bei manchen leider auch gar nicht. Darüber möchte ich dringend bald bloggen – es brennt mir wirklich unter den Nägeln! Lehrer müssen besser werden. Lehrer müssen bessere Entwicklungsmöglichkeiten finden, sie müssen besser ausgebildet und länger gebildet sein. Sie dürfen einen nicht fertig machen. Sie sollten neben den Eltern den sicheren Hafen darstellen, in den Zukunftler (siehe Facebookstatusnachricht: “Ich habe einen neuen Beruf! Ab heute bin ich Zukunftler! Was das ist? Naja, ich arbeite für eine gute Zukunft! Du willst dich bewerben? Ganz einfach. Sei motiviert, (im Geiste) jung und glaub an dich und du hast einen all-you-can-think Vertrag solange du die Regeln nicht brichst! #empfehlung”) bei verunsicherung einfahren können. Auf den sie vertrauen können und der sie Schützt vor dem echten Gesellschaftsquerschnitt. Verstehst du was ich meine?
Hi Armin,
hast du gewusst, dass in der Neulandschule (dort wo mein Papa arbeitet) die Schüler die Lehrer mit Vornamen ansprechen? Ich muss sagen, ich war ziemlich erschreckt, als ich das das erste mal miterlebt hab, irgendwie ungewohnt…hab aber leider keine Ahnung wie das die Schüler sehen, vll hast du ja mal die Gelegenheit einen Neulandschüler darüber auszufragen.
was ich dir aber garantieren kann, ist, dass trotzdem genug Schüler Angst- und Hassgefühle gegenüber manchen Lehrern haben…
und betitel deine Beiträge wieder so spannend! ich konnte es diesmal kaum erwarten zu lesen, was du geschrieben hast!
Ja wusste ich, find ich spannend und werde ich weiter verfolgen =) Danke für die “Erinnerung”. Ich bin mir bewusst, dass dadurch nicht alles anders wird. Aber ich glaube es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Verlangt aber natürlich den Lehrern umsomehr ab.