Hüten Sie sich vor den leeren Schlagworten
Wie ihr vielleicht gemerkt habt, habe ich meinen Blog vor einiger Zeit ein neues Gesicht verpasst. Ich habe mir auch ein paar Gedanken über verschiedene Kategorien gemacht, in denen ich bloggen möchte. Eine davon (diese!) heißt “Fremde Stimmen” und bietet Raum für Gastkommentare. Dies ist der erst Post in der Kategorie und soll ein eMail zitieren, dass ich als Antwort auf mein Interview im Standard erhielt.
Lieber Armin Soyka,
ich habe mich gefreut, dass Sie auf meine Stellungnahme persönlich geantwortet haben.
Wissen Sie, ich will Ihnen die Lauterkeit Ihrer politischen Intention nicht absprechen. Erst heute habe ich mit einer jungen Astrophysikerin – sie ist die Tochter einer lieben Freundin – über Politik gesprochen. Diese wirklich intelligente und fähige junge Frau hat mir nach wenigen Minuten gesagt: “Hör doch auf, mit mir über Politik sprechen zu wollen. Wir sind eine unpolitische Generation, und wir sind stolz darauf.” Ich habe noch einmal versucht, nachzufragen, und bekam interessante Antworten – die ich schon sehr oft gehört habe. Sie ist davon überzeugt, dass Politik nicht wirklich etwas mit Dingen zu tun hat, die für ihr Leben im positiven Sinne essentiell sind. Als 25jährige Wissenschafterin, gerade noch in die DDR hineingeboren, Tochter eines (angeblich) oppositionellen Wissenschafters, ist sie davon überzeugt, dass man sich um die wesentlichen Dinge im Leben nicht nur selbst kümmern muß, sondern diese auch gegenüber der Politik verteidigen.
Wissen Sie was? – Als 55jähriger Österreicher, der als Autor und Schauspieler viel im Ausland unterwegs ist, von einem hochrangigen kommunistischen (österreichischen) Vater als Konservativer erzogen, kann ich trotz meiner konservativen (im positivsten Sinne) Grundhaltung diese junge Frau verstehen und gebe ihr Recht, denn ihre Vorbehalte sind auch auf unsere vielfach egozentrierte Politik zutreffend. Was ich den Grünen in Österreich vorwerfe, ist die Oberflächlichkeit, mit der sie sich an politischen Schlagworten festhalten, in der falschen Hoffnung, dadurch Wählerstimmen zu erhalten oder zu bekommen und ihren Platz an den Futtertrögen zu erobern. Die Grünen sitzen einem gravierenden Denkfehler auf, der sie viele Wähler gekostet hat. Jene Studenten meiner Generation, die Grün gewählt haben, und heute z.B. als wohlbestallte Akademiker mit 3 Kindern im umgebauten Weinviertler Bauernhof sitzen, haben mittlerweile einen wesentlichen Lebensmittelpunkt: “wie kann ich mir das Geschaffene erhalten?”. Und dabei ist wichtig, welcher Bürgermeister ihnen die Hofzufahrt asphaltiert, wie sie ihren Job sichern können, der ihnen das Gehalt garantiert, mit dem sie sich teure biologisch einwandfreie Lebensmittel leisten können und wie sie es schaffen, ihren Kindern auf guten Privatschulen eine fundierte Erziehung angedeihen zu lassen. Meine drei Töchter gingen und gehen in Privatschulen, und haben einige Mitschüler, deren Eltern zu den berüchtigten Altachtundsechzigern gehören. Keine Frage: Diese Familien unterschreiben zum Beispiel für die Familie Zogaj, wissend, dass sie weit weg davon sind und dass ihre Kinder sicherheitshalber einmal ins Sacre Coer gehen, obwohl man selbst aus der Kirche ausgetreten ist. Gewählt wird der niederösterreichische Landeshauptmann, der vielleicht auch noch der Arbeitgeber ist – denn die Mutter arbeitet als Lehrerin – und der Vater ist wohlbestallter Landarzt in der Heimat Leopold Figls. So einfach ist das. Wenn ich mit diesen Leuten heute spreche, verweisen sie ihr einstiges politisches Credo in den Bereich des jugendlichen Überschwangs, das nichts mit dem realen Leben zu tun habe. So. Und diese Einstellung findet man sehr sehr oft, und viele dieser Wähler gingen den Grünen verloren. Aber nicht, weil diese Menschen etwa dumm sind, wie gern pauschal behauptet wird, sondern weil sie erkannt haben, dass das Leben anders funktioniert, als die Grünpolitiker sich das vorstellen. Der Beispiele gibt es viele. Die Grünen treten mit leeren Schlagworten (“Rechtsextremismus”, “Chance auf Bildung”, “Frauenpolitik” usw.) an, die vor allem in den Reihen der Jugend niemand interessieren. Junge Menschen, die mit Rechtsextremismus nichts am Hut haben, sprechen heute von “meiner Leistung”, von “ich als Mensch” und finden es lächerlich, über “Frauenquoten” und “Ausländer” zu reden. Denn für sie existieren keine In- und Ausländer, sie kommen aus internationalen Eliteschulen mit Chinesen, Afrikanern, Franzosen, Deutschen, Japanern, Arabern und und und – und kennen nur Menschen, die etwas tun, etwas können, etwas wollen, oder auch nicht. Sie machen sich unkomplizierte Gedanken über ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Familien und Freunde, die sich aus einem internationalen und wirklich auch interkulturellem Netzwerk zusammensetzen; für sie eine Selbstverständlichkeit. Zu kritisieren, dass sie aus Eliteschulen kommen, halte ich für dumm. Denn das Ziel ist gut und einer menschlichen Welt förderlicher, als alles, was viele Politiker heute tun. Dass ihre Eltern in selbstgestrickten Pullovern Hainburg besetzt haben, Klassenkampf spielten und gedankenlos nach Che Guevara oder Mao Tse Tung riefen ist ihnen peinlich und bestenfalls egal. Sie reihen es in die Kategorie “das war damals die Spassgesellschaft”ein.
Was ich damit sagen will: Wenn Sie als junger ambitionierter Politiker antreten, um unser aller Lebensbedingungen noch menshclicher machen zu wollen, hüten Sie sich vor den leeren Schlagworten, die in Ihrer Partei genauso vorherrschen wie anderswo. Die Menschen, die darauf hereinfallen, sterben aus. Entwickeln Sie eigene Ideen, hören Sie auf die wahren Bedürfnisse, Wünsche und Träume der Leute, und vor allem: reagieren sie darauf engagiert und mit Taten. Dann können Sie als Politiker großen Erfolg haben. Wollen Sie lediglich – und auch das ginge sich zeitlich noch aus – in diesem System ihre parlamentarische Pensionsberechtigung erwerben, dann gehen sie den Weg eines Josef Cap, Othmar Karas, Karl-Heinz Grasser oder Peter Pilz, um nur vier markante Beispiele eiskalter Ignoranten zu nennen. Das funktioniert immer noch. Aber Sie werden nichts bewegen, außer ihren eigenen Kontoständen.In diesem Sinne alles Gute und (aufrichtig gemeint) viel Glück!
Nicholas von Steenken-Blarney
Ich kann dem Brief vieles abgewinnen. Besonders die konkreten Taten kommen leider zu kurz. Das Problem ist, dass man die großen Fragen halt nicht so einfach nebenbei Lösen kann. Ich kann eine Homoprojekt an meiner Schule machen und damit ein Stückchen zu unserer gesellschaftlichen Aufklärung beitragen – aber im Grunde braucht es eine ordentliche gesetzliche Grundlage, die alle Menschen, gleich welcher Religion, Ethnie oder Sexualität gleichstellt. Natürlich kann ich ein, zwei oder drei politische Grillen organisieren und so einen Beitrag zu unserer politischen Aktiviertheit beitragen – aber im Grunde braucht es begeisterte Politik- und Demokratiekunde Lehrerinnen und Lehrer, sowie vorbildhafte PolitierInnen und einen transparenten und partizipativen Staat. Ja, ich kann im Audimax mit Studierenden Universitäten besetzen und viel diskutieren, aber im Grunde braucht es eine ordentliche Finanzierung der Universitäten. Auf jeden Fall macht es einen Unterschied, ob ich mit offenen Augen durch’s Leben zu gehen und “auf die wahren Bedürfnisse, Wünsche und Träume der Leute” zu hören versuche oder nicht. Mit den leeren Schlagworten komme ich nicht so zurecht. Was ich letzte Woche erst wieder hören musste ist, dass die Grünen (wie im Text angesprochen) für viele 40 – 60 Jährige ehemalige Grünwähler keine Alternative mehr darstellen. Ob sich das mit Zahlen belegen lässt?
Achja, und wer Lust hat, einen Gastartikel zu verfassen, kann mir einfach eine Mail schreiben. Ich stelle mir das Recht locker vor. Wenn dir ein Thema auf der Seele lastet, eine Idee dein Herz höher Schlagenlässt oder irgendetwas in deinen Fingerspitzen kitzelt, meld dich einfach bei mir.
Sehr guter und treffender Gastkommentar! Die großen Themen in den Alltag der Betroffenen herunterzubrechen, die grünen Ideen zu konkretisieren und die Alternativen bildhaft darzustellen – das ist sicherlich eine Herausforderungen, die auch wir Grünen oft unzureichend bewältigen. Die Gefahr des Phrasendreschens sollten wir uns jedenfalls ständig im Hinterkopf behalten, der präventive Weckruf des Gastkommentars gefällt mir daher sehr gut!
Herr Nicholas von Steenken-Blarney schreibt mir “aus dem Herzen”. Solche Gedanken in der Öffentlichkeit zu lesen tut mir gut. (Bin zwar Jg 1942, aber rund um 1968 noch völlig “unpolitisch” gewesen)