Fremde Stimme: Warum die Grünen nicht wählbar sind.
Viele Menschen haben etwas zu sagen. Viele davon werden nicht gehört. Gestern saß ich mit einem Freund zusammen. Er hatte was zu sagen. Er schrieb es mir auf. Hier sein Gastkommentar:
Ich werde die Grünen nicht wählen, weil sie zu aktuellen Themen nix sagen und für nix stehen.
Jajaja, das war schlechtes Deutsch, stimmt inhaltlich auch nicht, zumindest kann man das so nicht sagen und schon gar nicht stehen lassen. Die Grünen haben natürlich eine Meinung zu aktuellen polititsch Debatten und Problemen und ich bin mir sicher man kann die auch irgendwo in den endlosen Weiten der Sub-Menüs ihrer Homepage lesen. Und überhaupt: Wer hält den die besten, fundiertesten Reden im Parlament? Welche andere Partei hat so viele Blogger, die man alle bequem und formlos quasi 24 Stunden am Tag erreichen kann? Wer, ja bitte sag mir doch wer diskutiert denn innerparteilich sonst noch, vorbildhaft und mit großem Aufwand, basisdemokratisch, politically correct, gendermäßig sowieso? Liebe Basiswappler (van der Bellen juhu!), auch wenn ihr mich für diesen einen Satz jetzt fast genauso lieb habt wie Eva Glawischnig einen Porsche Turbo: Ihr werdet es kaum glauben, aber all meine Nachbarn verstehen den, die wissen genau was gemeint ist. Und die allermeisten von ihnen wollen dann gar keine tolle, schlüssige Argumentation warum ich zu diesem Entschluss gekommen bin, wichtig für sie ist nur: Der findet, dass die Grünen zu wenig präsent sind und keine klare Linie haben, und die Konsequenz davon ist, dass er sie eben nicht wählt.
Warum, liebe Grüne, muss ich mir erst ein Profil kaufen, um zu lesen, dass Arigona Zogaj der „Mensch des Jahres“ ist? Glaubt ihr ernsthaft, dass Christian Rainer wirklich davon überzeugt ist, dass die liebe Arigona dies tatsächlich ist? Ich nicht, aber er hat mit dieser Coverstory aufgezeigt, dass Profil den Kampf von Arigona nicht vergessen hat, und er hat es mit drei Worten (Mensch des Jahres) geschafft, seine Linie festzulegen. Ich hätte das Magazin gar nicht kaufen müssen, um zu wissen: „Da ist jemand, dem das Schicksal von Arigona nicht egal ist und der sich massiv dafür einsetzt, dass sie in Österreich bleiben kann und dass anderen Menschen in ähnlicher Situation in Zukunft nicht dasselbe widerfährt, wie ihr“. Weil, liebe Berufspolitiker: Ihr mögt das spießig finden, aber am Ende des Tages, nach langer Arbeit, interessiert mich zu allererst, was meine Tochter im Kindergarten erlebt hat. Ja ernsthaft, mir sind fantasiehafte Kinderzeichnungen im ersten Moment wichtiger als die Details einer Profil-Coverstory. Mich interessiert dann auch noch meine Frau, die Planung für die nächsten Tage und wann der Garten wieder gemäht werden muss. Und dann, liebe Berufspolitiker, dann sehe ich mir die ZIB2, und manchmal „Im Zentrum“ an. Und dort will ich dann – echt wahr – keine wirren Diskussion ansehen und – ja ihr werdet es geradezu fatal finden – auch keine ewig langen Argumentationsketten hören. Echt. Weil: Wählen kann ich ohnehin nur alle paar Jahre, und ob es jetzt zuviele Asyl-Nachfolgeanträge gibt, wie lange die Asylansuchenden irgendwo warten müssen, ob und wenn ja wie oft die Einspruch erheben können und woher die alle kommen machen mir die Entscheidung wen ich wählen soll nicht einfacher. Wenn ich zum Bäcker gehe interessiert mich ja auch nicht, ob das Mehl jetzt vor dem Salz reinkommt und wieviel Wasser dass man da braucht, wichtig ist nur: Die müssen schmecken. Und: Wenn mein Bäcker sagt „Nehmen sie lieber die, die kosten zwar mehr, aber sie werden den Unterschied schmecken, nehmen Sie mich beim Wort“ dann würde ich gern und aus Überzeugung mehr dafür zahlen.
Wann endlich sagt denn jemand: „Miteinand’ statt eis’ner Hand“, „Arbeitsplatz statt Tschuschenhatz“ oder „Integrier’n mit Hirn“? Wann höre ich den Satz: „Solange Peter Westenthaler und Susanne Winter im Parlament und nicht im Häfn sitzen, sperren wir auch keine hilfesuchenden TSCHUSCHEN (ja, genauso so!) ein.“ Liebe Grüne: Wenn ihr einfach und prägnant sprechen würdet, dann würden euch mehr Menschen zuhören. Und wenn ihr darüberhinaus ein bissl kreativ sein würdet (ich mein so schlecht wie Herbert Kickl werdet ihr ja wohl dichten können, oder?) dann würden die Menschen diese Sprüche, und damit das wofür ihr steht, auch weiter tragen.
Blöd nur, dass ich im Moment überhaupt nicht weiß, wofür ihr eigentlich steht. Jaja klar, ich könnte auf eurer Homepage nachsehen, aber hey, wie schon erwähnt, die Kinderzeichnungen.
Was ist mit dem gescheiterten Klimagipfel, der leidigen Asyldebatte, dem Millionengrab Kärnten, dem Grenzeinsatz des Heeres, der Wehrpflicht generell, den Uni-Protesten, ich mein wenn das nicht eure Themen sind, was denn dann? Warum bietet nicht einmal jemand Strache klar die Stirn? Ich (wie gesagt: „ZIB“, „Im Zentrum“, und „Kurier“) könnte mich an kein Statement, an keinen Standpunkt der Grünen mehr erinnern.
Ich meine, liebe Leute: Die ÖVP fischt mit Fekter im rechten Lager, die SPÖ weiß im Moment wohl selbst nicht, wie weit rechts sie sich positionieren will, wir haben Wirtschaftskrise und ihr seid nicht in der Regierung. Und trotz alledem schafft ihr es nicht, irgendwie selbst eine Debatte zu starten? Ihr schafft es nicht einmal klipp und klar zu sagen, dass ständiger Ausländerhass oder zumindest „Ausländermisstrauen“ nicht die Lösung unserer Probleme sein kann? Ich mein so klipp und klar und leicht verständlich mit einem lässigen Sager, dass ich das in der ZIB sehen kann und mich dann auch noch dran erinnere?
Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass diesem lässigen Spruch dann auch das folgen würde, was ihr laut eigenen Angaben ohnehin schon seit Jahrzehnten macht: ordentliche Politik. Ihr wollt in die Regierung und es gibt da draußen dermaßen viele Menschen die von der aktuellen Regierung, HC Strache und leider auch von Politik generell die Nase so voll haben, dass sie sich alle zehn Finger abschlecken würden, wenn sie nur irgendwo anders ihr Kreuzerl machen dürften. Ich würde mir mehr als je zuvor eine ordentliche Alternative wünschen, aber die „Grüne Alternative“ ist leider weit davon entfernt, eine solche zu sein und auch also solche wahrgenommen zu werden. Ehrlich: Schad’ drum.
Irgendwie muss ich dem Autor recht geben… Leider!
Auch wenn ich die Kritikpunkte berechtigt finde, seh ich die wählbaren parlamentarischen Alternativen nicht.
Sie bleiben für mich die derzeit einzige wählbare Partei im Parlament – gerade weil sie vielleicht ihre Politik weniger an medialer Transportierbarkeit ausrichten als alle anderen Parteien zusammen. PR-weichgespülte ideologieferne Faserschmeichler haben wir schon genug in diesem Land – vor allem in der Regierung.
Von daher Kritik ja. Nicht wählbar? Was denn sonst, wenn man noch
Verstand und Anstand hat in diesem Land?
jap, die grünen haben ein kommunikationsproblem, keine frage. sie aber deswegen als nicht wählbar abzustempeln, ist für mich nur ein begrenzt logischer schluss. vor allem wenn man sich die alternativen ansieht.
die grünen sind für mich die einzige partei, in die man zumindest ein wenig hoffnung investieren kann. vor allem dank dem öffnugs-engagement rund um die grünen-vorwahlen-initiatoren und klaus werner lobo (stichwort grüncamp).
erfrischend dieser kommentar! und trotz aller zuspitzung stimmt mit sicherheit, dass die grünen immer mehr partei und immer weniger jene bunte summe von persönlichen identitäten sind. sowas rächt sich. dass solche lähmungen auch ohne regierungsbeteiligung passieren, überrascht bicht wirklich, oder?
korrektur: “… überrascht NICHT wirklich, oder?”
Dass die Grünen eine wählbare Partei sind, hat übrigens Gerald Bäck am #baeckblog sehr schön festgehalten und schlüssig argumentiert. Und das obwohl er eigentlich einen “ganz bösen Artikel über die Grünen im Allgemeinen und die Wiener Grünen im Besonderen” schreiben wollte.
http://baeck.at/blog/2009/09/18/die-gruenen-eine-abrechnung/
ja das mit dem “nicht wählbar” hab ich ohnehin nur für eine überspitzung gehalten.
Danke für den Hinweis. Schön mehr über die kritische Auseinandersetzung von Grün-Sympathisanten mit den Grünen mitzubekommen.
Du hast aber vergessen zu erwähnen, dass hier steht warum die Wiener Grünen eben nicht wählbar sind: http://www.baeck.at/blog/2009/09/30/die-wiener-gruenen-eine-abrechnung/
Ich wollte mich in die Debatte rund um die Wiener Grünen Betonierer und ihre Pseudopartizipation nicht mehr einmischen. Aber wenn Du meine Argumentation übernehmen möchtest, dann bitte vollständig.
Hi Armin,
habe mir die Zeit genommen, eine quasi sozialistische Replik darauf zu liefern, warum die Grünen für mich unwählbar sind.
Auf meinem Blog zu finden:
http://bit.ly/9nrI9z
lg Mario
nur: wo bitte würdest du sie lesen? wo würdest du sie wahrnehmen? wie kommen sie auf deinen kühlschrank, neben die kinderzeichnungen? ich kann sie dort leider nicht hintragen. ich kann auch die gar nicht so wenigen zeitungsartikel jedem aufgeschlagen und rot markiert auf den frühstückstisch legen. ich würde echt gerne.
und ganz ehrlich: selbst wenn wir die mittel hätten, sollten wir wirklich wie häupl alleine im dezember um eine million euro!!!! in der krone inserieren, nur damit uns jede/-r wahrnimmt? (siehe: martinmargulies.wordpress.com) sollten nicht grad grüne solche mittel in schulsozialarbeit, obdachlosenbetreuung, sozialräume für drogenkranke etc. stecken? (wenn wir sie bloß hätten!!!)
wie gesagt: was die klarheit und kürze der botschaften betrifft, da bin ich voll bei dir. aber wo bitte sollen wir die hinpicken? was wir alles versuchen, hast du eh schön zusammengefaßt. was noch??? glaub mir: wir tätens gerne :-)
@Mario: für mich nicht sehr glaubwürdig mit den Grünen so streng ins Gericht zu gehen, aber weiterhin den Sozialdemokraten in diesem Land vertrauen zu können. Auf der Basis welcher Politik?
Die letzten zehn Jahre eine einzige Enttäuschung.
@Ray: Ich würd so weit gehen und sagen: die letzten 30 Jahre – aber ich habe dir ja auf meinem Blog, ausführlicher geantwortet ;)
pezik oben hat völlig recht: Ob die Grünen eine Kommunikationsproblem haben oder nicht darf doch für die Wahlentscheidung keine Rolle spielen! Eine politische Partei wird durch schlechtes Marketing nicht unwählbar. Sicher kann man sich über uncharismatische Spitzenkräfte, unprofessionelle Kommunikation nach außen etc ärgern. Das hat ja aber doch nichts mit der Wahlentscheidung zu tun. Gewählt wird, wer a) gute Inhalte und b) glaubwürdige Leute hat. Tolle Plakate, lässige Sprüche und flächendeckende Medienpräsenz sind keine Argumente für eine Partei – sonst müssten wir alle Strache wählen.
Richtig ist aber natürlich trotzdem: von grünen Inhalten bekommt man wenig mit, wenn man sich nicht ausdrücklich dafür interessiert. Meiner Meinung nach ist hier das Problem nicht, dass die Grünen zunehmend eine “normale” Partei werden, sondern im Gegenteil, dass sie es gerade nicht sind. Sie sind ein bunter Haufen von Organisationen und Personen, die alle für sich gute Arbeit leisten, aber noch immer nicht zu einer effizienten und schlagkräftigen Außenvertretung unter Führung von halbwegs charismatischen Persönlichkeiten zusammengefunden haben – und das zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch gar nicht wollen. Eine pointierte Außenkommunikation, die im Gedächtnis bleibt, ist so halt recht schwierig.
Die andere, vielleicht größere Seite des Problems ist aber auch: Welche Medien würden schon verstärkt grüne Inhalte transportieren? Standard und profil tun das eh permanent, nur spielen die eine marginale Rolle am Medienmarkt. In puncto Breitenwirksamkeit kommt man an der Krone nicht vorbei – und deren Blattlinie ist mit grüner Politik nun einmal allergrößtenteils inkompatibel. Um die Botschaften trotzdem unters Volk zu bringen bräuchte es Kommunikationstalente in geradezu Haiderscher Größenordnung und eine ausgeklügelte Strategie, die von einer geeinten Partei nachhaltig verfolgt wird. Da beißt sich die Katze in den Schwanz :)
Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Grünen eine sehr junge Partei sind – und die erste halbwegs demokratische. Probleme haben sie noch und nöcher, unwählbar geht aber ganz anders…
Naja bei uns in Deutschland gibt es genug Gründe wieso die Grünen, jedenfalls für mich, nicht (mehr) wählbar sind.
Aber ok. man kann diese Partei in Deutschland nicht mit der in Österreich vergleichen und deswegen lass eich es auch Gründe hierzu aufzuführen.
Liebe Grüße aus Deutschland