Erster Eindruck: erster Tag Venedig
Der erste Tag in Venedig ist vorbei, hier meine ersten Beobachtungen.
Mobilität. Der Individualverkehr westlicher Städte ist im Normalfall auf Autos abgestimmt. Ein Mobilitätskonzept für eine Stadt auf (Eichen-) Stelzen und im Wasser auf die Beine zu stellen, muss hier entsprechend schwer sein – gerade wenn Technologisierung, Leistungsdruck und Mobilitätsansprüche entsprechend steigen und die Stadt es jedes Jahr mit mehr Touristen zu tun bekommt. Die Lösungsansätze, die gewählt wurden, sind nicht grundsätzlich schlecht, gehören aber deutlich verbessert. Besonders der öffentliche Verkehr ist eigentlich unbrauchbar. In einer Stadt ohne Straßen / Autos muss man Dinge neu überdenken.
Lastenverkehr wird prinzipiell auf mittelgroßen Kähnen geschifft und dann via (relativ altmodisch-wirkenden) Karren zu ihrer Zieldestination gebracht. Die gesamte Nahversorgung (Greißler, Restaurants), die Paketpost und der An- und Abtransport von Baugut sind so geregelt. Auch die Abfallentsorgung funktioniert hier etwas anders. Müll wird entweder aus dem Fenster gehängt, oder vor die Tür gelegt. Müllmänner gehen durch die Straßen und sammeln den Müll in überdimensionalen Einkaufswägen und bringen ihn an den Kai, wo das Müllschiff den Abfall in seinem Bauch verstaut. Sogar der Fäkalienabtransport funktioniert über Schiffe. (Abwasser-) Kanäle gibt es soweit ich weiß nur in geringem Ausmaß.
Personenverkehr findet hauptsächlich zu Fuß statt. Venedig ist klein genug um (in etwa 30 Minuten) überall hin zu kommen. Für die Ungeduldigeren (und Reicheren) lassen sich Boottaxis finden. Private Boote für Individualverkehr gibt es auch, aber nur vereinzelt. Logisch, sonst wären Venedigs Kanäle so verstopft, wie der Gürtel zwischen sechs und sieben. Die typisch-venezianischen Gondeln kann man sich als Normalsterblicher nur zu sechst und einmal als Souvenir leisten. Für das persönliche Fortkommen sind sie ungeeignet. Sie sind zwar bequem, aber langsam und vor allem teuer. Eine Fahrt kostet stolze 80 Euro.
19 verschiedene Vaporetto Linien verkehren auf den Canale Grande und rund um die Stadt und stellen damit die Flotte des öffentlichen Verkehrsdienstleisters HCTV. Ein Vaporetto ist ein etwa 200 Fahrgäste fassendes Boot. Vor die Haustür wird hier niemand gebracht. Haltestellenhäufigkeit, Fahrfrequenz sowie Kosten überzeugen nicht. Ein 72 Stundenticket für 19 Linien kostet für Jugendliche 22 Euro (7,33 Euro / Tag), Erwachsene müssen 33 Euro (11 Euro / Tag) hinblättern. Zum Vergleich: die Wiener Linien mit Straßenbahnen, Bussen, Nightlines, U-Bahnen, S-Bahnen kosten pro Tag 7,60 für Erwachsene. Es kommt nur etwa alle zehn Minuten so ein Vaporetto daher und bei den größeren Haltestellen muss man meist ein Boot lang warten, bis man es hinauf schafft. Fahrräder sind wegen den vielen Leuten und Brücken ungeeignet. Mobilitätseingeschränkte, die auf Rollstuhlnutzung angewiesen sind, haben es auch nicht leicht. Bisher habe ich eine barrierefreie Brücke gesehen.
Romantik. Venedig ist die Stadt der Romantik. Männlein und Weiberl gemeinsam, eng umschlungen in einer Gondel am Canale Grande, die Palazzos und Plätze im Hintergrund vage erkennbar, dem Sonnenuntergang entgegenstrebend. Verfallene Häuser passen da durchaus ins Bild. Beängstigend finde ich es trotzdem. Es schockt mich richtig zu sehen, wie schlecht es um die Bausubstanz, besonders in Hinterhöfen und unbelebteren Straßen, bestellt ist. Auch unser „Hotel“ ist relativ verfallen – wirkt aber urig und dem Gemeinschaftsgefühl ist das ja durchaus zutuend.
Nahversorgung. Besonders auffällig sind die vielen kleinen Geschäfte, die das Straßenbild prägen. Hier ein Fleischer, dort ein Bäcker, da ein Gemüseladen und dann ein Minisupermarkt. Vinothek, neben Greißler, Tischler und Altwarengeschäft. Wie kommt es, dass sich diese Kleinstbetriebe hier gehalten haben, in Wien aber nicht? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich gibt es aufgrund der Touristen mehr (zahlungskräftige) Laufkundschaft. Kann auch sein, dass die österreichische nicht existente Politik für Einmannbetriebe verantwortlich ist. Oder eine Mischung aus beidem. Klar ist aber, dass Einkaufen ein Erlebnis sein könnte und sollte. Diskussionen über Herkunft, Empfehlungen fürs Mittagessen oder einfach ein Gesprächspartner zum Quatschen – all das können Greißler bieten. Und hier tun sie das noch. Wäre eine Idee für Wien! Nahversorgung kann so wieder von Herzen kommen und wirklich nah sein.
Rauchen. In Italien herrscht seit einigen Jahren absolutes Rauchverbot in allen Restaurants und Bars. Es tut gut. Der Vergleich zwischen gerade verlassenem Audimax und venezianischem Restaurant ist keiner. Da liegen einfach Welten dazwischen. Überrascht haben mich die überall (in vier Sprachen) ausgeschilderten Konsequenzen: Wer das Rauchverbot ignoriert, riskiert, mit einer Strafe von 27,5 bis 275 Euro belegt zu werden. Sollten offensichtlich schwangere Frauen, Säuglinge oder Kinder unter 12 Jahren anwesend sein, verdoppelt sich die Strafe. Wir sollten in Österreich nachziehen, bevor die EU es uns vorschreibt. Für unsere Gesundheit und Lebensqualität.
Ruhe. Zwei Mädchen aus meiner Gruppe haben heute für ein Projekt einige Menschen interviewt und gefragt, was besonders an Venedig ist. Mehrfach kamen die Begriffe Ruhe und Lebendigkeit auf. Zwei Dinge die sich auf den ersten Blick nur schwer vereinen lassen. Denkt man aber ein wenig darüber nach, macht es Sinn. Venedig ist, wie oben schon angesprochen, praktisch autofrei. Es ist ruhig. Und dennoch herrscht ein geschäftiges Treiben. Venedig ist lebendig. Und der Lärm, der entsteht, ist menschlich, nicht motorisch.
Soweit aus Venedig vom ersten Tag. Ich freue mich auf morgen.
Liste: Was Wien von Venedig lernen sollte (wird erweitert):
- Endlich rauchfreie Lokale
- Einkaufen als Erlebnis. Viele Klein- und Einmanngeschäfte.
- Ruhe in Wiens Lebendigkeit bringen.
Wofür ich in Wien (im Vergleich) dankbar werde:
- Grün. Wien hat Bäume, Wiesen und Parks, Venedig nicht!
- Relativ billig. Ich habe heute über 20 Euro für Verpflegung ausgeben müssen.
- Das großartige (und kostengünstige) Angebot der Öffis.
Die Sache mit der Videoüberwachung habe ich jetzt vergessen, dazu im nächsten Blogpost.
Zu der Sache mit den (kleinen) Kaufläden, Einzelhandel, Handwerkern: ich denke es liegt zum Großteil eben auch an der “schlechten” Infrastruktur in Venedig. Große Supermärkte, Kaufhäuser etc. können eben nicht mit mittelgroßen Booten ihr komplettes Sortiment aktuell halten.
Da haben die Kleinen strukturelle Vorteile, was man durchaus positiv sehen kann.
Bei uns in Wien müssen wir uns aber in erster Linie selbst an der Nase nehmen, wenn wir kleinere, lokale Händler für wichtig und wertvoll halten: bei ihnen einkaufen gehen und auch im unmittelbaren Wirkungsbereich (Verwandte, Freunde) dafür werben. Zum Beispiel auf der Währingerstraße.