Ein spannender Tag in den Öffis
Den Artikel habe ich eigentlich schon vor knapp einem Monat verfasst, dann aber wohl vergessen ihn zu veröffentlichen, also jetzt spät aber doch:
Im öffentlichen Raum trifft man immer wieder interessante Menschen. Besonders in den letzten Monaten habe ich meinen Blick dafür geschärft. An keinem anderem Ort treffen so verschiedene Menschen aufeinander, von und in keinem anderen Raum kann man so viel lernen. Zu dem Öffentlichen Raum zählt für mich die Öffis. Stimmt zwar nicht ganz, aber fast. Heute habe ich gleich zwei neuartige, jeweils wertvolle aber sehr unterschiedliche Erfahrungen gesammelt.
Zuerst wurde ich, völlig außer Atem, weil der S45 “nachgerannt”, von einer Atemtrainerin angesprochen und für meinen anscheinend perfekten Atem, der mehr einem Keuchen glich, gelobt. Sie war ganz begeistert und wollte mir einfach nicht glauben, dass ich meinen Atem niemals trainiert hatte. Angesprochen hat übrigens sie mich – “Geschafft, das war wohl wichtig, oder?”.
Warum ich das für eine wertvolle Erfahrung halte? Es ist nicht der seichte Smalltalk, mit etwas Tiefgang, den ich für so wichtig halte. Es geht vielmehr um die Art der Kommunkation, für die dieses Erlebnis stellvertretend steht. Diesen offenen, freundlichen, einfühlsamen, gemeinschaftlichen Umgang halte ich für eines ganz wichtig: das subjektive Wohlbefinden kann nur im sozialen Miteinander entstehen und steigen – und darum geht es ja, dass die Menschen sich in unserer Gesellschaft wohl fühlen.
Das zweite Erlebnis fand rund zehn Minuten später statt (mittlerweile im 49er, auf dem Weg ins Hanuschkrankenhaus). Ich belauschte ein Gespräch zwischen zwei schätzungsweise 70 jährigen. Der Mann erzählte einer Freundin (?), dass er vor in paar Jahren gerne mit seiner Frau ein Kind adoptiert hätte. Die Jugendfürsorge war aber anscheinend der Meinung, dass das zur Verfügung stehende freie Kabinette nicht groß genug sei, weshalb sie nicht zugelassen wurden. “Uns traun’s das Kind nicht zu, aber dann gehn Kinder einbrechen und werden erschossen, da hättens es lieber uns gegeben. Zu fünft haben wir seinerzeit in einem Bett geschlafen und niemals sind wir auf die Idee gekommen stehlen zu gehen. Geld hatten wir keines und trotzdem ist aus uns was geworden, aber bei uns gibt’s nicht genug Platz – diese Trotteln”. Ein gekränkter alter Pensionist könnte man meinen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass da ein wahrer Kern drinnen steckt. So nachdenklich wie ich also bin / war, habe ich ihn wohl angestarrt – er wurde auf mich aufmerksam und er fragte mich nach mein Meinung. “Ja sicher, sie haben sicher recht. Es fehlt uns an Werten nicht an Geld” 0-8-15 Antwort eben. Die Reaktion, die darauf folgte, erstaunte mich: “Naja, eigentlich eh gut, dass das passiert ist, wir müssen ja viel strikter werden. Beim Hitler gabs auch keine Verbrecher. Vielleicht ein oder zwei – aber mit denen war’s schnell vorbei.” Daraus entwickelte sich eine kurze, aber intensive Dikussion. Viel habe ich leider nicht über und von ihm gelernt. Gesehen habe ich aber einmal mehr, wie wenig der Politik vertraut wird, ihr Problemlösungskompetenz zugetraut wird und wie verbittert und hoffnungslos viele Menschen “da drausen” sind. Dabei hätten sie soviele wertvolle Inputs. Auf die Frage, was er ändern würde, wenn er könnte: “Na die Korruption, das ist ganz schlimm. Und das mit diesem Abfindungen, da hat schon wieder einer 50 Millionen kassiert. Es gehört fairer Verteilt.” Jemand, der so klare Vorstellungen hat, geht seit 50 Jahren nicht wählen. Hier hätte Politik die Aufgabe das Vertrauen zu stärken und Partizipation genau solcher Menschen zu stärken, fordern und fördern.
Ein spannender Tag in den Wiener Öffis