Die Stimme aus dem Off
Ich habe vor ein paar Tagen einen Artikel über Zivilcourage verfasst. Heute bin ich über Umwege auf einen anderen Blogpost dazu gestoßen. Daniel Fallenstein berichtet in dem Artikel “Wenn der Arsch auf Grundeis geht – Ein Erlebnisbericht nebst Reflektionen über Zivilcourage” über seine Feuertaufe Zivilcourage zu zeigen.
Ich tat was ich tat nicht zuletzt um meinetwillen, hatte mir selbst etwas zu beweisen. Ich weiss, was richtig ist, und was falsch. Ich will nicht sehen, dass andere das Richtige tun, sondern sie sehen lassen, dass ich recht handele.
Der Artikel ansich ist lesenswert, wirklich spannend wird es wenn man zu den Kommentaren gelangt. “Die Stimme aus dem Off” hat zwei recht ausführlichen Anmerkungen hinterlassen, die Eindruck hinterlassen. Sie haben mich sehr zum nachgrübeln gebracht, ob der zentrale Satz meines Blogposts (“Das Richtige zu tun muss das Leben wert sein”) eigentlich Berechtigung hat. Ich bin zu keinem Schluss gekommen, ich werde weiter nachdenken. Gewaltlosigkeit ja oder nein? Was ist das Leben wert? Wofür leben wir? Viele Fragen. Die Kommentare möchte ich niemandem vorenthalten:
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Die Stimme aus dem Off, 21.09.2009 08:16
*Schmunzel* Wie wirken diese Zeilen jetzt auf mich? Ich weiss es nicht so richtig, ich muss schmunzeln und zolle Dir Respekt wegen Deiner Ehrlichkeit.
1. Angst. Angst ist normal. Offensichtlich hast Du noch nicht viel Angst gehabt bzw. haben müssen in Deinem Leben, denn Du beschreibst ja schön wieiviel Kraft es Dich gekostet hat diese Angst zu überwinden und wie sehr Du mit dieser Situation beschäftigt warst. Menschen mit mehr Erfahrung empfinden dieselbe Angst nur überwinden sie diese Angst viel schneller. Und ab einem gewissen Grad von Erfahrung sieht man den Arschlöchern schon an, ob sie gefährlich sind oder nicht.
2. Unerfahrenheit in Bezug auf die Kommunikation. Deine Aussdrucksweise war gefährlich, weil viel zu abgehoben. Das hätte böse ins Auge gehen können, zumal einer von den beiden eine Bierflasche in der Hand hatte. Das Prekariat wertet eine solche Ausdrucksweise berechtigterweise als Arroganz. Es erlebt Arroganz als Reaktion auf die eigene Unfähigkeit jeden Tag. Die Arroganz der anderen als Abwehrmittel gegen die Zeitschverschwendung, die der Umgang mit seiner Person nach sich zöge, ist die Ursache seiner tagtäglichen Frustration. Der Hass hätte schnell auf Dich überspringen können. Empfehlung: “körperlich unterlegene…” bewegt sich nahe an Arroganz. So können die sich nie ausdrücken im Leben. Das “Sie” war aber gut, denn ein “Du” lässt deutlich zuwenig Distanz zu. Man sollte daher eine einfache Sprache wählen und dabei beim “Sie” bleiben.
3. Fehleinschätzung. Lass’ mich raten: Die beiden Weiber trugen jedenfalls keine Hosenanzüge und kamen auch nicht aus irgendeinem Büro, sondern gehörten wohl eher einer ähnlichen Schicht an, oder? Dieses Pack wagt es nämlich normalerweise nicht eine gepflegte Frau dermaßen anzupfeifen, die Wut entlädt sich dann doch eher an seinesgleichen.
Du scheinst wirklich mit einer Art Dankbarkeit gerechnet zu haben. Wohl zuviel Fernsehen geschaut, wie? *lach* Du kannst froh sein, dass es nicht zur Konfrontation gekommen ist und das Opfer als Zeugin benötigt wird. Im für Dich günstigten Fall steht das Opfer nicht als Zeuge zur Verfügung und wenn es dumm läuft, sagt es sogar gegen Dich aus. :-D
Die sozialen Beziehungen und Spannungen im Prekariat sind viel komplexer als man glaubt und was Du als Unverschämtheit bewertet hast, kann auch aus Opferperspektive ein berechtigter Anschiss gewesen sein. Das kann durchaus auch mal derart roh aussehen, so ist das eben in der Gosse. Die Grundregel “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich” hat universelle Geltung.
4. Unerfahrenheit in Bezug auf den sich einer körperlichen Auseinandersetzung anschließenden Gerichtsärger.
Glaube mir, vor Gericht – und das meint vor allem das Zivilgericht – bist Du anschließend verraten und verkauft. Du bleibst auf allen Deinen Schäden sitzen und jede Versicherung, der Anspruchsgegner, soger der Staat wird alles daran setzen auch aus der kleinsten und nebensächlichsten Vorerkrankung ein schwerwiegendes Leiden zu machen, welches die Kausalität des Ereignisses für den Schaden und damit auch für den Schaden entfallen lässt. Und Beweisen kannst Du in diesem Bereich dann eh nichts.
Das Gerede von der Zivilcourage ist nichts weiter als eine Aneinanderreihung inhaltsleer Phrasen in Wahlkampfzeiten. Es keinerlei rechtliche oder gesellschaftliche Substanz. Wenn es ganz gut läuft, dann bekommt das Opfer ein wenig Aufmerksamkeit von der Presse wie im Fall Brunner. Wenn es schlecht läuft, steht es ganz alleine dar.
Meine Empfehlung für das nächste Mal: Handy in die Hand, 110 wählen und Meldung machen und dann weggehen und noch irgendwas einkaufen, irgendwo einen Cafe trinken gehen und dann den nächsten Bus nehmen. Das ist aber auch schon das Äußerste, was man einem Mann raten kann, der noch was aus seinem Leben machen will.
Die anderen haben nämlich nichts zu verlieren. Denen nimmt der Gerichtsvollzieher mangels Masse nichts weg, denen geht keine Karriere verloren, auf die wartet HÖCHSTES ein Job in Zeitarbeit, bei dem sie schickaniert werden. Wenn es ganz dumm läuft, gehen sie für ein paar Jahre in den Bau, wenn sie Dich zum Krüppel geschlagen haben. Das macht denen aber nicht soviel aus wie Dir. Zum Teil kennen sie das schon aus vorherigen Knastaufenhalten, zum Teil freuen sie sich über die geregelten Mahlzeiten und das Wiedersehen mit alten Bekannten. Das ist kein Scherz.
Einige freuen sich wirklich darauf die alten Jungs wiederzusehen, es gibt richtige Knastfreundschaften. Und fünf, sechs Jahre im Bau sind zwar nicht schön, stärken aber andererseits den Ruf auf der Straße, sodass man diese Knasterfahrung auch als Investition in die Zukunft betrachten muss, die einem spätere leichteren Zugang zu Frauen und in die Szene ermöglichen. Und eine Ausbildung kann man dort auch noch abgreifen. Knast kann sich für die – anders als für Dich – also gewissermaßen lohnen!!!
Für einen Durchschnittsmenschen lohnt sich diese ganze Scheiße nicht. Darum solltest Du in Zukunft lieber schnell weitergehen und Dir ethische Erwägungen für das nächste Seminar an der Uni aufsparen.
dagny t., 21.09.2009 10:52
/->Koennten wir Deinen Kommentar wohl als Gastkommentar im Blog posten? Als Antwort auf Daniels Bericht?
Zwei Anmerkungen: 110 rufen und danach ins Cafe gehen zieht immer Buerokratie nach sich. Wer etwa meldet dass ein Autofahrer ein Verkehrsschild umgefahren und Unfallflucht begangen hat, bekommt am Telefon spaeter einen Rueffel fuers Weiterfahren und keinen Dank fuers Melden, wird auf die Wache gebeten, muss seine Aussage schriftlich zu Protokoll geben.
Ist ok, auch wenn mich der Aufwand fuer eine solche Meldung naiverweise etwas ueberascht hat. – Aehnliches ist mir auch schon passiert als ich einen Grossalarm wegen vermuteten Ertrinkens am Badesee ausgeloest hatte.
“Melden macht Frei” hiess es in diesem Zusammenhang bei der Bundeswehr. Wer etwas weitermeldet hat seine Pflicht getan, auch wenn es eine Kleinigkeit gewesen sein sollte.
Beim ersten Lesen von Daniels Posting ist mir die Frage durch den Kopf gegangen, ob mein Bloggerkollege wohl gedient hat? Zum einen ob der dort vermittelten harschen Kommandosprache, die schichtuebergreifend verstanden wird und zum anderen wegen der ambivalenten Erfahrung mit bildungsfernen Menschen zu tun gehabt zu haben und deren Gedankenwelt zu kennen?
Die Stimme aus dem Off, 21.09.2009 11:39
/->Klar dürft Ihr.
110 rufen und danach ins Cafe gehen zieht immer Buerokratie nach sich. Wer etwa meldet dass ein Autofahrer ein Verkehrsschild umgefahren und Unfallflucht begangen hat, bekommt am Telefon spaeter einen Rueffel fuers Weiterfahren und keinen Dank fuers Melden, wird auf die Wache gebeten, muss seine Aussage schriftlich zu Protokoll geben.
Tja, es kommt darauf an wie man rechnet: Falls die Schlichtung wirklich gelingt, ist das natürlich die kostengünstigste Variante.
Falls es schiefgeht hat die Krankenkasse evtl. die lebenslange Behandlung für das Wasserlassen durch den Blasenkatheter, den Rollstuhl etc. zu zahlen. Ich bin zwar kein Betriebswirt, meine aber sagen zu können, dass die sicheren Kosten für Variante A eher in Kauf zu nehmen sind als die evtl. Kosten für Variante B.
Man muss ja auch mal sehen, welche Vorteile sich aus der Meldung ergeben: Vielleicht ist der Typ ja sogar zur Verhaftung ausgeschrieben und wird bei der polizeilichen Überprüfung gleich verhaftet. In diesem Fall hätte man zu einer erfolgreichen Haftbefehlvollstreckung beigetragen. Und dann erst der Erkenntnisgewinn, der sich der Polizei ergibt. Vielleicht hat derselbe Typ ja schon jemand anderes zusammengeschlagen und kann dann identifiziert werden? Dann würde dieser eine Notruf zu einer aufgeklärten Straftat führen.
Und siehe Dir mal die Nachteile auf der anderen Seite an: Dominik Brunner wird die finanziellen Nachteile, die sich aus seiner Ermordung geben, für seine Familie nie wieder hereinholen. Vom menschlichen Schicksal mal ganz abgehen, dass die Kinder ihren Vater verloren haben, die Ehefrau ihren Mann und die Enkel ihren Opa vielleicht niemals kennen werden.
Sicher, er ist als Held gestorben. Aber Dank darf man eben nicht erwarten und einen angemessenen finanziellen Ausgleich auch nicht.
Man glaubt auch gar nicht, wie unfair der Staat mit einem umgeht, wenn man selbst bei soetwas verletzt wurde. Ich war z.B. lange schwerbehindert und müsste Prüfungen ohne Schreiberleichterung – in derselben Zeit wie alle anderen – ablegen, obwohl ich nachweisbar körperliche Schäden davongetragen habe und unter Medikamenteneinfluss stand.
Wenn man selbst verletzt wurde, dann ist man wirklich auf sich ganz alleine gestellt. Es gibt keine staatliche Stelle, die einem Opfer einer Straftat konsequent, d.h. in jeder Beziehung zum Staat, sei es gegenüber Behörden, dem Arbeitgeber, den Universitäten, Gerichten oder der Kommunen, zur Seite steht. Der Staat hat für Opfer von Straftaten nichts übrig, das ist die erschreckende nackte Wahrheit. Der Helfer ist am Ende immer der Dumme und trägt sämtliche Prozessrisiken, Insolvenzrisiken und sonstigen Nachteile.
Sollte man seine eigene Gesundheit wirklich für einen Blechstern riskieren?
Die Stimme aus dem Off, 21.09.2009 11:58
/->Ich muss mich korrigieren. Das hier ist unwahr:
der Staat hat für Opfer von Straftaten nichts übrig,
Man bekommt als Schwerstverletzter mit inneren Blutungen während der Notarztbehandlung immerhin das Merkblatt über “Rechte von Verletzten und Geschädigten in Strafverfahren” ausgehändigt.
Damit man sich das nicht alles merken muss, während man das Licht auf sich zukommen sieht.
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