Archive for category zAlte Kategorien

Womit Gebi recht hat.

Posted by on Samstag, 28 Januar, 2012

Jung, Grün, Kompetent, Mandat. Das ist Gebi Mair. Er ist 27. Seit 4 Jahren grüner Landtagsabgeordneter in Tirol. Davor war er zwei Jahre Gemeinderat in Innsbruck. Ein junger Mensch mit großer politischer Erfahrung und noch größerem Potenzial. Macht euch alle ein Bild von ihm, schaut euch seinen Blog genau an. Und schätzt ihn selber ein. In meinen Augen, ist er einer, der es schafft die Message rüber zu bringen.

Diesmal ist das ihm das aber nicht optimal gelungen. Er hat heute Früh ein Interview gegeben, das es nur als Zusammenfassung zu lesen gibt, in dem er einige Dinge sagt, die ich nicht nachvollziehen kann. Für diese Aussagen wurde er von allen Seiten kritisiert und hat einiges auch in einem Folgeinterview im Standard zurechtgerückt. Übrig bleibt für mich, dass er viel von Georg Willi hält. Das ist schön, kann ich nicht beurteilen und ist mir auch wurscht.

Der Punkt ist, und das spricht er ebenfalls ausführlich an – und das ist sicherlich keine heiße Luft: Wir, die Grünen Österreich, sind heute nicht gut genug aufgestellt. Wir haben die besten Konzepte – das ist (fast) unbestritten, wir haben eine peinlich schwache Regierung – das ist unbestritten, und wir haben nicht Hochkonjunktur. Leute, wir machen unsere Arbeit nicht gut genug. Wir müssten explodieren – auf 20 Prozent und mehr. Nachhaltig. Aber wir tun es nicht.

Und da müssen wir uns ehrlich fragen: Warum wachsen wir in Umfragen nur drei Prozent? Warum nicht mehr? Wieso setzen wir unsere gigantische inhaltliche Kompetenz nicht in Themenführerschaft um? Oder fällt euch eines, ein einziges Thema ein, auf das wir unbestritten Themenführerschaft hätten – nicht in grünen Kreisen, sondern da draußen? Radfahren – noch etwas? Wir erzählen die Geschichte einer grünen Welt nicht gut genug.  Da gibt es Bilder, die wir zeichnen müssten. In Japan fliegt ein Kraftwerk in die Luft und wir müssten beginnen zu erzählen:

Warum dezentrale Energieversorgung so großartig ist. Weil die Gemeinden plötzlich Spielräume bekommen. Günstiger Strom da ist. Unternehmen sich ansiedeln wollen. Arbeitsplätze geschaffen werden. Pendeln nicht mehr notwendig ist. Irgendwann kann man Fernwärme anbieten. Heizkosten sinken. Und Investitionen in die Infrastruktur kurbeln die lokale Wirtschaft wieder an. Der Kindergarten kann gratis werden. Vielleicht ein Erlebnispark gebaut werden. Oder ein Hallenbad. Die Bevölkerung identifiziert sich mit “ihrer Energie”. Geht bewusster damit um. Regionale Bauern können wieder Leben. Weil die Kaufkraft der Bevölkerung steigt. Es gibt Raum für Kunst und Kultur. Soziale Sicherheit und Zusammenhalt. Es beginnen Touristen zu kommen. Dienstleistungen. Und das Rädchen dreht sich weiter und weiter. Investitionen werden möglich. Und alles nur, weil eine Gemeinde einen mutigen Weg geht. Ein Kraftwerk hin stellt. Biomasse zum Beispiel. Und dass das gut für’s Klima ist und wir weder Atomstrom importieren müssen noch Russlands Gas für’s heizen brauchen, kann man ja ruhig in einem Nebensatz erwähnen. Aber der Punkt ist – Grüne Konzepte verbessern die Lebensqualität. Schaffen Sicherheit wo Unsicherheit herrscht. Sind verlässlich, erprobt und durchdacht. Pragmatisch umsetzbar und sinnvoll.

Und diese Geschichte gibt es nicht nur zur Energie zu erzählen, sondern auch zur Bildung, zur Gesundheit, zur Mobilität, zur Verwaltung. Wir machen Menschen nicht genug Lust auf dieses andere Österreich, dass in all unseren Köpfen existiert. Eine Pressekonferenz zu machen, zu sagen “Wir wollen Raus aus Öl und Gas” und ein Konzept mit 1582 Worten dazu zu heften, das noch dazu hauptsächlich aus Zahlen besteht, ist einfach zu wenig. Viel zu wenig.

So falsch es ist diese Debatte  mit Personalfragen zu beginnen – so recht hat Gebi doch an vielen Ecken. Diese Aussagen beispielsweise unterschreibe ich sofort.

 Es gibt in diesem Land eine “Obezahrer-Stimmung”, die von der Regierungsspitze verantwortet wird. Es muss uns Grünen gelingen, eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, dass wir nicht in diesen “Obezahrer-Strudel” mit hineingezogen werden. Wir haben damit nichts zu tun, und es muss uns gelingen, durch überzeugende Leute und emotionale, ansprechende Themen die Menschen zu erreichen und ihnen zu zeigen, dass es auch anders geht.  - Standard

Trotzdem glaube ich, dass man diese Partei zu einer bunteren, fröhlicheren und lustbetonteren Partei machen kann, die Leute fasziniert. Das fehlt uns. - Standard

Der Zustand der Bundespartei sei derzeit nicht erfreulich, betont Mair, der klare Konturen bei den Grünen vermisst. „Wen außer Peter Pilz oder Eva Glawischnig kennt man in Österreich?“ Als größten Mangel ortet der Tiroler Landtagsabgeordnete derzeit die fehlende Persönlichkeitsentwicklung bei den Grünen. – tt.com

Wir sind parlamentarische Streber. Wir glauben, dass uns angesichts von Faymann und Spindelegger die Wähler nachlaufen, aber das machen sie nicht von selbst.“ Es brauche eine andere, auch aktionistischere Politik, mit der man die Themen den Menschen lebensnäher vermitteln könne. – diepresse.com

Ja, Gebi hat mit seinem Interview in den Gatsch gegriffen. An Evas Sessel zu sägen ist ungerechtfertigt, kontraproduktiv und wider der eigenen Aussage. Er hat dafür einige ordentliche Detschn kassiert. Aber er hat auch provoziert – und damit Aufmerksamkeit geschaffen für ein reales Problem. Unsere Performance ist einfach nicht gut genug. Nutzen wir das Potenzial, das in dieser Debatte liegt und beginnen wir uns zu überlegen, was konkret sich ändern muss. Wo es strategische, wo strukturelle und wo personelle Defizite gibt. Und lösen wir sie. Ich tue das in meinem Umfeld. Versuche Maßnahmen zu ergreifen, von denen ich glaube, dass sie uns, das Grüne Projekt weiter bringen.

Für mich ist klar, dass wir verdammt gut aufpassen müssen, dass wir nicht weiter überaltern und langweilig(er) werden.

2013 ist die nächste Nationalratswahl. Dieses Jahr (2012) werden wir unsere Listen dafür wählen. Bis dahin muss klar sein, was wir – als Grüne Basis – von unseren Nationalratsabgeordneten, von unseren SpitzenkandidatInnen und von uns selbst erwarten. Damit wir am Ende stärker da stehen als heute. Um die Bilder in unseren Köpfen Realität werden zu lassen. Bald!

Spannendes 2012!

Posted by on Samstag, 14 Januar, 2012

2011 ist vorrüber. Das meiste lief nach Plan und doch ist wenig gelaufen so wie ich mir das gewünscht hätte.

Politisch gesehen habe ich meine ersten Gehversuche als Mandatsträger gemacht. Anträge eingebracht. Redebeiträge geliefert. Lösungen gesucht. Ideen gehabt. Viel gelernt. Greifbares Ergebnis aus einem Jahr Arbeit: Eine Tempo 30 Tafel. Unbefriedigend.

Bis März habe ich meinen Präsenzdienst hinter mich gebracht. Vor genau einem Jahr war ich noch Leibeigener. Unterdrückt,  beschimpft und ausgenutzt. Vermutlich die schwierigste Zeit meines Lebens bisher. Hinein gegangen bin ich als mündiger, glücklicher und politischer Mensch. Herausgekommen als geprügelter Hund ohne Mut. Die Wunden heilen. Langsam.

Ich habe begonnen zu studieren. Volkswirtschaftslehre und Philosophie. Musste bald merken, wie unkonkret, teilweise oberflächlich und an machen Ecken auch nutzlos die Inhalte – zumindest bisher – waren und blieben. Mit Philosophie werde ich nächstes Semester wieder aufhören. Die Erwartungen wurden enttäuscht.

Und dann gibt es noch mein privates Privatleben. Zusammenziehen. Mit einer Frau, die man von Herzen liebt. Kämpfen um eine Wohnung – als Student, ohne nennenswerte Einkünfte ein Graus, fündig werden, einziehen, einrichten, heimelig machen. Und dann die bittere Erkenntnis – allen Bemühungen zum Trotz, es will einfach nicht passen. Verzweiflung. Trennung. Trauer. Unsicherheit. Schmerz. Durch den Tag kommen. Aufraffen. Neue Wohnung suchen. Finden. Verhandeln. Umbauen. Dreck und Schweiß.

2011 ist vorrüber. Es war kein gutes Jahr. Es war ein spannendes.

Mein Jahr war geprägt von Verlust, Enttäuschungen, Angst und Unsicherheit. Dem gegenüber steht nichts andere als die drastische Veränderung. Nichts bläst so kontinuierlich durch mein Leben wie der Wind des Wandles. Jede Veränderung stößt mich in unentdecktes Terrain. Die ersten Schritte tun immer weh. Und wir gewöhnen uns niemals, an dieses eigenartige Gefühl des Unwohlseins. Ein Gefühl, das wir instinktiv als ungut bezeichnen würden. Und doch bringt es uns weiter, dieses Gefühl. Es zwingt uns zu lernen, zu lösen und letztlich zu wachsen. Wir erkämpfen uns neues Territorium. Mal für mal. Und am Ende sind wir größer.

2011 ist vorüber. Es war ein spannendes Jahr. Das ist gut so.

Ich will keine gutes Jahr. Ich will ein spannendes Jahr. Ich will Herausforderungen. Ich will Neuland erkunden. Und als Mensch wachsen. Das bedingt, dass man auch mal versagt und versagt – es ist die Kehrseite der Medaille. Es ist der Preis, den man zahlt für ein spannendes Leben. Ich bin gerne bereit ihn zu zahlen.

Mir, mir wünsch ich ein bisschen mehr Spannung als im letzten Jahr und euch, euch wünsch ich das auch. Weil ein Leben, in dem was passiert, befriedigender ist, als eines in dem alles gut ist.

Skriptum Grundzüge der VWL Mikro

Posted by on Samstag, 17 Dezember, 2011

Anders als geplant habe ich kein Skriptum für den Mikroteil der Grundzüge der VWL erstellt. Von Woche zu Woche ist es zacher geworden, bis ich aufgab. Durchgehalten hingegen hat mein lieber Kommilitone Quirin Damerer und jetzt ist er auch noch so lieb es mit uns allen zu teilen. Hier seine einführenden Worte.

Da Professor Podczeck für seinen mikroökonomischen Teil der StEOP-Vorlesung „Grundzüge der Volkswirtschaftliche“ (WS 11) keine Unterlagen bereitstellt, habe ich mich entschlossen meine Mitschriften zu digitalisieren und euch zur Verfügung zu stellen. Ich möchte euch jedoch darauf hinweisen, dass dieses Skript keinen Anspruch auf Vollständigkeit (zum größeren Teil wohl Grafiken), Leserlichkeit oder Richtigkeit hat, ich hoffe ihr könnt es jedoch nutzen um es mit euren Unterlagen zu vergleichen, um Fakten zu ergänzen, etc.

Es wäre sehr nett von euch auf etwaige falsche Angaben, Fakten etc. aufmerksam zu machen, damit alle davon profitieren können, ich werde dies natürlich auch tun, wenn mir beim Lernen offensichtlich falsche oder nicht vorhandene Dinge auffallen!
In diesem Sinne, hoffe ich dass ich möglichst viele von euch im nächsten Semester wiedersehe!

Bei der Mitschrift handelt es sich um ein Hauptdokument “Grundzüge der Volkswirtschaftslehre Mitschrift Ganz“, zwei Ergänzungsdokumente “05.12.11” und “12.12.11” plus Ergänzungen 1-6 (zip) als Graphik. Im Hauptdokument wird jeweils auf die anderen Dokumente verwiesen, insofern ist es zwar etwas kompliziert, aber durch und durch logisch, wie beim lernen vorzugehen ist. Leider war das alles mit den Dokumenten schwierig upzuloaden mit maximaler Größe, daher liegen Teile der Daten bei uploaded.to. Am einfachsten ist es, einfach das gesamte ZIP von dort herunter zu laden und dann als einen Ordner zu entpacken.

Mitschrift-MikroGZVWL-WS11.zip (36,7 MB)

Danke Quirin!

Zur Lage der Nation: Schöne neue Welt

Posted by on Dienstag, 13 Dezember, 2011

Während in Wien, nach einer wochenlangen Dürreperiode, bei frühlinghaften vier Grad plus die Vögel von den Dächern zwitschern, steigt Kanada aus dem Kyotoprotokoll aus. Statt die CO2 Emissionen um sechs Prozent zu reduzieren hat Kanada zwischen 17 und 26 Prozent zugelegt. Jetzt entzieht Kanada sich den Strafzahlungen und zeigt all jenen Ländern, die ernsthafte Anstrengungen und vor allem Investitionen in diese Richtung unternommen haben, den Stinkefinger. Rechtlich möglich, moralisch eine bodenlose Frechheit und ein Gesichtsverlust sondergleichen. Besonders die Schwellenländern werden hier einmal mehr übers Ohr gehauen. Von ihnen verlangt man, dass sie auf (unnachhaltiges) Wachstum verzichten, das auf Kosten der Umwelt gehen würde, während die westlichen Länder weiter emmitieren, was sie wollen. Und dann die Skrupellosigkeit besitzen zu sagen: “Kyoto hat keine Zukunft, deswegen bemühen wir uns nicht und zahlen auch nix für unsere Versäumnisse.”

In Durban wird währenddessen ein Klimaschutzabkommen unterzeichnet, das überhaupt erst in Kraft tritt, wenn sich das historische Zeitfenster, zur Minimierung der Klimaerwärmung schon wieder geschlossen hat. Und Minister Berlakovic spricht von einem großen Erfolg.

Gleichzeitig verdichten sich die Verschwörungstheorien, den Klimawandel gebe es gar nicht. Die Tatsache, dass sich tausende Wissenschaftler zusammen auf eine (grobe) These einigen konnten, interessiert immer weniger Menschen, solange es ein paar Forscher und viele Lobbyisten und (gekaufte?) Politiker gibt, die die bequeme Wahrheit propagieren und von der Klimalüge quasseln.

Aber so geht nichts weiter, so fahren wir nur mit Vollgas an die Wand. Jedes Jahr fließen 12 Mrd Euro an Energiekosten aus Österreich ins Ausland. An unsere Lieblingsländer Saudi Arabien, Iran oder Russland. Diese 12 Milliarden könnten wir gut brauchen um in Österreich nachhaltige, dezentrale, umweltfreundliche und souveräne Energiepolitik zu machen. Es gibt eine Unmenge an Konzepten, wie wir sehr schnell, sehr sehr viel von diesem Geld in Wertschöpfung in unserem Land ummünzen können. Da braucht es eine Kraftwerksoffensive – Dörfer mit eigenen Biomassekraftwerke. Das bringt Unabhängigkeit vom Gaspreis, schafft Arbeitsplätze, spart CO2 und hält Wertschöpfung im regionalen Umfeld. Da braucht es eine Dämmoffensive – das spart nicht nur den BewohnerInnen Energiekosten, sondern bringt auch der Bauwirtschaft Beschäftigung. Da braucht es noch viel viel mehr Forschung in erneuerbare Energien, da braucht es ein neues Energieeinspeisegesetz, da braucht es Aufklärung in Schulen und Betrieben über Energieeffiziens und ja, da braucht es auch andere Mobilitätskonzepte. Die heilige Sau, das Auto – gerade im urbanen Bereich – ist ein gefährliches, unfaires, lärmendes, stinkendes Beförderungsmittel und muss Platz machen für Öffis, Rad- und Fußverkehr.

In Wien kommen hier gerade ein paar Sachen ins Rollen. Aber auch hier mahlen die politischen Mühlen langsam. Es geht schon was weiter (großes Passivhaus, Öffis billiger, Radverkehrsausbau, Parkraumbewirtschaftung, T30, Schluss mit Glastürmen,..). Revolutionär wird es vor einer grünen Absoluten vermutlich nicht so schnell werden. ÖVP und (große Teile der) SPÖ stehen hier nicht auf der Bremse, sie haben das Problem überhaupt noch nicht erfasst. Deswegen meine These: Aus der Krise kann uns nur eine mutige, freche und verständliche grüne Partei führen. Wir sind die einzigen, die vor allem die Chancen für Lebensqualität und Wirtschaft die sich aus Klimawandel und Peak Oil ergeben erfasst haben, Konzepte zu deren Nutzung haben und auch (soweit es die politischen Rahmenbedingungen irgendwie zulassen) Ernst machen mit ihrer Umsetzung.

Über die Alternativen singt Culcha Candela in Schöne neue Welt. Oder seht ihr noch weitere? So geht’s jedenfalls nicht.

Über das Leben eines Heterojungen mit schwulen Eltern.

Posted by on Montag, 12 Dezember, 2011

Ich kenne die verschiedenen Modelle zur Bestimmung der eigenen sexuellen Identität. Ich kenne sie nicht gut, aber ich weiß ungefähr was es gibt. Ich kenne auch mich halbwegs. Mittlerweile. Früher war das anders. Da war mir der Begriff “sexuelle Identität” noch kein Begriff.  Worauf ich stehe, im Bett, aber auch im Leben, war eh klar. Das stand ja auch nie zur Diskussion. Ich konnte immer ganz gut mit dem, was normal war, leben. Und solange du normal sein kannst, ohne dass dir was fehlt, gibt’s ja auch wenig Grund zu reflektieren. Außer das System – die Schule, oder die Eltern sehen es vor. Tat es aber nicht.

Ich war ein kleines Heterobubi, ohne ernst zu nehmende sexuelle Erfahrung und ohne jegliche Reflexion über meine eigene sexuelle Identität, als ich mit siebzehneinhalb Jahren plötzlich schwule Eltern hatte. Kelly und Glenn gaben mir ein Zuhause. Für fünf Monate und 11 Tage lebte ich unter ihrem Dach, spielte nach ihren Regeln und wurde von ihnen geliebt und liebte sie.

Eine spannende Zeit brach an für mich. Was war passiert? Ich wurde Austauschschüler. Am 27 Dezember 2007 ging alles los. Eine Gastfamilie sei gefunden worden für mich, lies man mich wissen – immerhin, drei Wochen vor Abflug war das höchste Zeit. Alle anderen hatten ihre Familien schon seit Monaten. Die kurze Vorlaufzeit würde nicht das einzige bleiben, das meine Erfahrung von denen meiner fellow sendees unterscheiden würde. Ich kann mich genau an das Gespräch erinnern. Es gebe ein lesbisches Paar in Tucson, Arizona, das mich gerne aufnehmen würde. Aber natürlich könnte ich das Placement ablehnen.

Und da begannen die Rädlein in meinem Kopf zu rattern. Lesben. Homosexualität. Fragezeichen. Weiter kam ich nicht. Ich war immer ein umtriebiger Kerl gewesen. Verschiedene Schulen, Turnverein, Ministranten, große Verwandtschaft. Eine outgoing person. Ich kannte viele Leute. So geschätzt 3’000 hätte ich gesagt. Und ich hätte keinen einzigen benennen können, der schwul ist, keine einzige, die lesbisch wäre. Das machte mich baff.  Ich hatte nie Probleme mit Schwulen gehabt. Wie auch – es gab sie ja in meine Leben auch nicht.

Nach ein wenig Recherche stellte sich heraus, dass es sich um zwei Männer handelte, keine Frauen. Ein Fehler in der Kommunikation. Beides studierte Psychologen. Sie hatten schon sechs mal vor mir gehostet und klangen am Telefon und per Mail ausgesprochen aufgeschlossen und liebenswert.

Ich traf eine der Entscheidungen. Sie würde mein Leben auf den Kopf stellen. Ich sagte ja.

Und so landete ich drei Wochen später, am 11. Jänner 2008, bei 18 Grad Außentemperatur am Tucson International Airport. In der Ankunftshalle warteten sie auf mich. Das Bild werde ich nie vergessen. Kelly in ockerfarbenen Trenchcoat, neben im Glenn in Shorts, kurzem Hemd, Crocs und Starbucks Trinkbecher in der Hand – beide strahlen sie mich an. Immer wieder wandern diese Bilder durch meinen Kopf. Das Wohlwollen, die Ruhe und gleichzeitig die Vorfreude. In ihren Gesichtern war es alles abzulesen. Nicht oft haben Neugeborene – und das war ich in ihren Augen – die Möglichkeit diese Momente zu reflektieren. Erster Eindruck einer liebenden Kraft. Bedingungslos.

Es folgten Heimfahrt, Hundeschnuppern, Abendessen, eingewöhnen. Die Tage zogen dahin. Bald waren Monate um. Mein persönlicher Schatz wuchs. So viele Erfahrungen. So viele Eindrücke. Freunde, AFS, Schule, Reisen, aber vor allem Persönlichkeitsentwicklung. Viele Dinge änderten sich kurzer Zeit. Heute bin ich dankbar für jeden Tagebucheintrag, der den ungeheuren Wandel in mir dokumentiert und belegt wie schnell Menschen wachsen können, wenn die Umstände nur herausfordernd genug sind.

Und gefordert war ich. Begleitet haben mich meine Eltern. Ich nannte sie niemals Dads. Und trotzdem waren sie es. Sie kamen zu meinen Schulaufführungen und Track Meets, fuhren mich zur Soccer Practice und verboten mir auf Partys zu gehen. Aber das ist es nicht, was gute Väter ausmacht. Sie waren vor allem eines: Emotionally involved. Wie ein roter Faden ziehen sich unsere intensiven und intimen Gespräche durch meinen Aufenthalt. Sie haben mich gelehrt zu reflektieren. Mein Vater starb als ich 15 war. Die Pupertät hat mir zugesetzt. I had some issues. Sie haben sich auf mich und meine Macken eingelassen, mit mir gearbeitet. Immer wieder meinte Kelly “You are an angry little boy!” und mit der Zeit lernte ich verstehen was er damit meinte. Als ich zurück kam war ich anders. Ein Stückchen gereift.

Die Geschichte die ich hier erzähle ist die eine der bedingungslosen Liebe. Die Beziehung zu meinen Eltern war intensiv. Wir hatten es nicht immer leicht. Ich war ein schwieriger Kerl, und gerade mit Kelly gab es große Konflikte. Es liefen einige unschöne Sachen. Aber – und das beeindruckt mich immer wieder – es gab Platz für all diese Erfahrungen und Gefühle. Wut, Trauer, manchmal sogar Hass. Und dann wieder klärende Gespräche und Vergebung. Geprägt war dieses stetige Auf und Ab von einer umsichtigen Hingabe, die ich bei wenigen Menschen bisher erleben durfte.

Ich erinnere mich an einen Abend, nach Stunden der Diskussion saß ich mit Glenn im Wohnzimmer. Kelly war wütend und genervt zu Bett gegangen. Beide hatten wir Tränen in den Augen. Wir hatten lange und ausführlich über unsere eigenen Fehler gesprochen. Versucht zu erklären. Und waren bis zum Verständnis vorgedrungen. Es war einer dieser Momente vollendeter Trauer und Schönheit, die dich unglaublich berühren und mit einem Menschen verbinden. Solche Erfahrung durfte ich mit meinem leiblichen Vater nicht machen. Aber ich konnte sie nachholen. Weil zwei emotional unglaubliche fähige Menschen beschlossen hatten mich aufzunehmen und mich bedingungslos zu lieben, stärker zu machen und aufzubauen.

Erfahrungen wie diese sind es, die ein Leben für immer ändern. Erfahrungen wie diese sind es, die so unaussprechlich vielen jungen Menschen nicht angeboten werden. Die sie aber so dringend bräuchten, als Proviant für den Weg zum ganzen Menschen.

Und so dankbar wie ich bin für die Zeit, die ich mit meinen zwei Vätern verbringen durfte, sosehr widert es mich an, wenn ich immer und immer wieder erklären muss, warum homosexuelle Menschen natürlich Kinder adoptieren dürfen müssen. Immer und immer wieder kotzen Menschen ohne Hirn oder ohne Seele zu diesem Thema etwas in die Öffentlichkeit. Da wird unreflektiert und dumm argumentiert, ohne zu sehen, wie viele heterosexuelle Eltern Tag ein Tag aus versagen. Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch, die Realität ist längst eine andere. Längst lassen sich homosexuelle Partner das Recht auf Familie nicht mehr absprechen. Männer trennen sich von ihren Frauen, outen sich und nehmen ihre Kinder mit zum neuen Partner. Schwule und lesbische Paare bekommen zusammen Kinder, ziehen sie zusammen auf. Frauen adoptieren Kinder als Einzelperson, aufwachsen tun die Kinder aber mit zwei Müttern. Und das ganze funktioniert so gut, dass es nicht einmal auffällt. Niemandem. Regenbogenfamilien sind längst Realität, in allen nur denkbaren Konstellationen. Die Kontroversen die geführt werden sind Scheindebatten rechter Rattenfänger. Das einzige was sie bringen ist eine Verzerrung der Wirklichkeit auf Kosten derer, die eh schon mit Rechtsunsicherheit leben müssen. Zach Wahls, Sohn zweier Mütter, hat zu dem Thema in Wirklichkeit schon alles gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt. “The sexual orientation of my parents has had zero effect on the content of my character.” Seine bewegende Rede vor dem Iowa House of Representatives hat mich zu diesem sehr persönlichen Artikel bewegt. Obwohl die Situation so offensichtlich ist, haben wir noch immer einen weiten Weg zu gehen, bis es endlich selbstverständlich ist, dass wer Liebe geben kann, dies ganz selbstverständlich auch darf. Durch Menschen wie mich und Zach kommen wir riesen Schritte voran. Wir sind der lebende Beweis, dass Liebe keine Grenzen kennt und homosexuelle Menschen selbstverständlich gute, wenn nicht bessere Eltern sein können.

“If you’ve got space in your heart to love someone, do it, because you get so much more out of it then you could possibly put in.” sagt Kelly.

Und das haben sie beide gelebt. Meine Dankbarkeit kennt keine Grenzen. Danke Kelly, Danke Glenn.

Rick Perry is strong, but the Web is stronger!

Posted by on Samstag, 10 Dezember, 2011

Die USA wählt 2012 wieder. Obama tritt zur Wiederwahl an, welcher Republikaner sich mit ihm messen wird dürfen, zeigt sich erst im Laufe der Primaries im kommenden Frühjahr. Viel hört man hierzulande nicht über die KandidatInnenauswahl, wer am Laufenden bleiben möchte – Jon Stewart berichtet in seiner Daily Show Tag ein Tag aus über die zugegeben anregenden Vorkommnisse im konservativen / rechten Lager. Ein sehr unterhaltsamer Start in den Tag.

Zur Wahl stehen derzeit noch rund ein halbes Dutzend Kandidaten (+ Bachmann), aufgrund diverser Eigentore dezimiert sich ihre Zahl aber beinahe wöchentlich. Die beiden größten Witzfiguren – der durchgeknallte Milliardär Donald Trump und Pizzamagnat Hermann Caine haben sich schon aus dem Rennen genommen. Obwohl Rick Perry, texanischer Governor, bisher schon über 17 Millionen Dollar spenden sammeln konnte – immer ein guter Indikator (Obama hält bei 42 Millionen, Mitt Romney bei 14) – ist er seit seinem legendären Oops Moment (sehenswert) bei einer Live Debatte der republikanischen Kandidaten in CNBC ein Wackelkandidat.

Vor drei Tagen hat Rick Perry – ein ehemaliger Demokrat – nun einen homophoben, christlich fundamentalen 31-Sekunden Spot ins Internet gestellt. Und dabei einmal mehr gezeigt, was passiert, wenn gut vernetzte, stink reiche, erzkonservative, fundamentalkapitalistische Unternehmer Millionen in die Hand nehmen und versuchen die Politik systematisch zu beeinflussen. Menschen, die sicher, an sich halbwegs vernünftig sind, beginnen so ein Zeug zu faseln.  Mittlerweile gibt es über drei Millionen Views – das ist nicht schlecht für ein politisches Statement.

Interessanter wird das ganze mit den Bewertungen. 13.771 gefällt der Clip, 512.042 finden ihn abstoßend. Aber das großartige am Internet ist nicht, dass jeder seinen Like oder Dislike los werden kann, sondern dass aus politischen Ideen und auch aus politischer Ablehnung neues entstehen kann. Und so schießen die Parodien geradezu aus dem Boden. Etwas unkreative und destruktive wie ein furzender Rick Perry mit Arschgesicht, diese Comicversion oder ein etwas unmotivierter Jesus, der Perry ins Wort fällt, aber eben auch anspruchsvolle, die einen zum schmunzeln bringen.

Ein Rabbiner aus Michigan tritt für Gleichberechtigung und sagt: “Intelligence made our country strong once, it can make us strong again!”

Ein Videoblogger will Perrys Krieg gegen Logik beenden und meint “Logic made America strong, it can make her strong again!”

Der Atheist Andy Cobb sagt: “Rick Perry mag an Gott glauben, aber ich habe seine Umfragewerte gesehen – und Gott, glaubt nicht an Rick Perry”.

Während diese Nachahmung sehr schön mit der manipulativen politischen Kommunikation Perrys spielt

Und – recht witzig, dass Rick Perry bei seinem Auftritt eine ähnliche Jacke trägt wie Heath Ledger in Brokebackmountain, oder?

Möglich ist das ganze durch das Netz. Weil jeder veröffentlichen kann. Ja, es gibt auch crap da draußen. Aber nur weil es auch den geben kann, sind all diese großartigen Versionen möglich. Für mich persönlich eine unbezahlbare Bereicherung. Und eine unglaubliche Chance für alle Demokratien dieser Welt (und jene, die es werden).

Über die Freude an den Daten

Posted by on Freitag, 9 Dezember, 2011

Dieser Artikel ist der erste Eintrag in meinem Lerntagebuchs zur Vorlesungsreihe “Nachhaltigkeit – Schlagwort oder zukunftsträchtiges Konzept oder” zum Block 2 – soziale Nachhaltigkeit.

Wer soziale Nachhaltigkeit konsequent denkt, landet bei zwei Komponenten, die gleichermaßen erfüllt werden müssen.

Es braucht eine faire Verteilung der vorhandenen Ressourcen auf und ansprechende Lebensmöglichkeiten für alle Menschen dieser Erde. Gleichzeitig dürfen unter unserer Nutzung der Erde nicht folgende Generationen leiden.

Diese Überlegungen sind naheliegend und nicht neu – dennoch tut sich wenig. Wir treiben Schindluder mit unserem Planeten, nutzen unsere Brüder und Schwestern – nicht nur die mit anderer Hautfarbe aus. Vor allem auf die revolutionären Veränderungen wartet man vergeblich.

Aber es scheitert nicht am Wollen. Jeder vernünftige Mensch teilt die Auffassung, dass es soziale Nachhaltigkeit braucht. Auf der Suche nach möglichen Gründen liefert Hans Rosling einen interessanten Input. Er macht Vorurteile zu einem Teil des Problems. Und hat mit seiner Software Gapminder eine bahnbrechende Antwort gegeben. Rosling ist schwedischer Professor für Internationale Gesundheit und war lange Zeit Berater der WHO, der UNICEF und mehrerer Hilfsorganisationen.  In einer seiner großartigen Präsentationen auf TED (http://ted.com – Ideas worth spreading) erklärt er seine Überlegungen:

“Vor ungefähr 10 Jahren übernahm ich die Aufgabe, schwedischen Studenten im Grundstudium globale Entwicklung zu lehren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich seit ca. 20 Jahren gemeinsam mit afrikanischen Organisationen Hunger in Afrika untersucht, sodass von mir erwartet wurde, dass ich ein wenig über die Welt Bescheid wusste. [..]

Ich habe zu Beginn einen Test gemacht. [..] „Welches Land hat die höchste Kindersterblichkeit innerhalb dieser fünf Paare?“ Ich hatte sie so ausgewählt, dass in jedem der Länderpaare, die Kindersterblichkeit eines Landes doppelt so hoch wie die des anderen war. Das bedeutet, dass der Unterschied deutlich größer als die Unsicherheit der Daten ist. [..] Ich habe ein Konfidenzinterval erhalten, das ziemlich eng ist: von fünf möglichen Antworten waren 1,8 richtig.

Eines Nachts, als ich den Bericht verfasste,wurde mir meine Entdeckung wirklich bewusst. Ich habe gezeigt, dass Schwedens beste Studenten, statistisch gesehen, wesentlich weniger über die Welt wussten als Schimpansen. Denn Schimpansen würden die Hälfte richtig auswählen, wenn ich ihnen zwei Bananen mit Sri Lanka und der Türkei geben würde. Sie würden in der Hälfte der Fälle richtig liegen.

Aber die Studenten taten dies nicht. Das Problem war meines Erachtens nicht Dummheit – es waren vorgefasste Meinungen.”

Als Reaktion auf diese Erkenntnis erfand Rosling Gapminder. „Fighting the most devastating myths by building a fact-based world view that everyone understands.“ ist das Ziel. Zu erreichen sucht er es über die Visualisierung von Daten. Er sagt: „Having the data is not enough – I have to show it in ways people both enjoy and understand.“

Ein Problem komplexer Vorgänge ist, dass sie schwierig zu erfassen sind. Vor allem sobald wir Zusammenhänge zwischen mehr als zwei Variablen abbilden möchten, können wir mit unserem ursprünglichen Koordinatensystemen nicht viel ausrichten.

Rosling hat es mit Gapminder geschafft Zusammenhänge zwischen fünf Variablen seinen Anforderungen systematisch und eingänglich entsprechend zu visualisieren.

Gapminder geht dabei folgendermaßen vor: Auf X und Y – Achse werden wie gewohnt verschiedene Daten (oft logarithmisch) aufgetragen – als Datensätze stehen hier sämtliche Statistiken der UNO zur Verfügung – die Punkte  stehen für verschiedene Länder, Kontinente oder Provinzen, ihre Größe steht hierbei für die Population der Länder. Um die Trends anschaulich und nachvollziehbar darzustellen werden nun die Datensätze für ein gewisses Intervall an Jahren hintereinander gezeigt. So lassen sich zwei Eigenschaften beliebig vieler Länder über die Zeit hinweg miteinander vergleichen. Es entstehen Trends.

Gapminder ist ein Werkzeug um die Welt besser zu verstehen. Um Zusammenhänge nachzuvollziehen, die sonst untergehen würden. Und um Vorurteile zu widerlegen. Aber wirklich spannend wird es, wenn Hans Rosling sein Tool selbst verwendet. Der Enthusiasmus, die Freude und die Ernsthaftigkeit mit der er die Entwicklung der Welt kommentiert steht einem weltklasse Sportkommentator um nichts nach und so nimmt Rosling einen mit auf eine packende Reise durch 200 Jahre Weltgeschichte. Und so schaut das aus:

Warum schlechte Verkehrsplanung Leben kostet – meines zum Beispiel

Posted by on Donnerstag, 10 November, 2011

Schlechte Verkehrsplanung führt zu Toten auf den Straßen, die wir durch vorausschauendes Managen des Verkehrs beseitigen müssen. Ich hätte heute zum Beispiel fast dran geglaubt. Nicht sehr witzig. Der Schrecken sitzt mir in allen Knochen. Die Täter sind auf der Flucht.

Der Radweg der zweier Linie ist Radlern ein Begriff. Ein sehr eng bemessenes Pfädchen (1,5 Meter? Weniger?) direkt neben einer Teils zwei, Teils drei-spurigen Autobahn (je Fahrtrichtung). Wer nicht gut im Slalom fahren ist, sollte diese Strecke besser nicht befahren – mehrfach stehen unmotiviert Laternenmäste oder Verkehrsschilder im Weg denen man gekonnt zweimal links, einmal rechts ausweichen muss. Alles in Allem: Einer der gefährlichsten Radwege und gleichzeitig eine der wichtigeren Radverbindungen.

Eine Ironie des Schicksals – ich kam aus dem 18. von einer Sitzung wo wir uns die Radfahrstruktur im Bezirk angeschaut hatten und begonnen haben einen Radwegemasterplan für Währing zu entwerfen. Um Mitternacht zirka bog ich in die Landesgerichtsstraße ein. Zwischen Felderstraße und Tulpengasse hatten sich zwei Fußgänger auf meinen Radweg verirrt. Das passiert öfters. Vor allem Nachts, wenn PassantInnen versuchen ein Taxi zu erwischen. Ich beginne zu klingeln. Keine Reaktion. Nach vier oder fünf Versuchen wurden sie auf mich aufmerksam, ich war mittlerweile recht nahe und begann abzubremsen – normalerweise ist das nicht nötig. So nicht bei diesen Menschen. Ich komme immer näher und sie weichen nicht aus. Ich rufe ihnen zu sie sollen mir Platz machen. Langsam beginnen sie sich zu bewegen. Soweit keine Gefahr. Weder ich bin ihnen mit meinen 20, vielleicht auch weniger km/h gefährlich, noch sie mir.

Und dann passiert das unfassbare. Ich bin bereits halb vorbei (den halben Radweg haben sie mir frei gemacht), da packt mich einer von den Beiden am Arm (während ich mit 10, 15 km/h an ihnen vorbei rolle) und gibt mir einen ordentlichen Stoß. Ich verliere das Gleichgewicht – kann von meinem Rad abspringen und es trotz Gepäck im Gleichgewicht halten, lande aber auf der Straße. Zur Erinnerung – auf der zweispurigen Rennstrecke Landesgerichtsstraße, sofern es um die Zeit Verkehr gibt, ist dieser mit mindestens 60, eher 70 km/h unterwegs. Die Überlebenschance bei dieser Aufprallgeschwindigkeit liegt beinahe Null. Mein Leben verdanke ich dem Zufall – unsere Sitzung hat lang genug gedauert, die Ampelschaltung war richtig, oder irgend ein anderer banaler Grund.

Ich springe zitternd so schnell ich kann auf den Radweg zurück und fasse es einfach nicht. Er hat mich einfach auf die Straße gestoßen – wäre die Ampel anders gegangen wäre das ein sicheres Todesurteil gewesen.

Ich bin selten mit Situationen überfordert. Aber da wusste ich einfach nicht mehr was tun. Zur Rede stellen? Auf ihn stürzen? Weg fahren so schnell ich kann? Solche Menschen gehören aus dem Verkehr gezogen. In meiner Panik entfernte ich mich und rief ich bei der Polizei an. Sie wollten einen Wagen vorbei schicken.

Das ganze stellte sich als witzlos heraus. Die beiden kümmerten sich nicht weiter um mich und winkten weiter vorbeifahrenden Taxis nach. Als ich sie konfrontierte meinten sie ich sei ihnen über die Zechen gefahren. Keine Ahnung wie das funktionieren soll, ohne ihnen den Lenker in den Magen zu rammen. Mittlerweile hoffe ich, dass die beiden betrunken waren – was keines Wegs mildernde Umstände bedeuten würde, aber zumindest hieße, dass sie nicht per se eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen.

Aber weg von dem Einzelfall, hin zu der Regel: Verkehrsplanung ist dafür verantwortlich dafür, dass solche Sachen nicht passieren. Das heißt konkret:

  • Radwege nicht nur durch eine Bordkante baulich von (so großen) Straßen trennen, sondern entweder auf die Straße verlegen oder mit Sicherheitsabstand von der Straße führen!
  • Radwege weg von Gehsteigen, auf die Straße. Wenn das nicht anders geht, ruhig indem man der zweier Linie auf beiden Seiten eine Spur abzwackt und als Radstreifen umwidmet! Es kann nicht sein, dass FußgängerInnen gegen RadfahrerInnen ausgespielt werden!
  • Radwegebenützungspflicht endlich kippen – routinierte Radfahrer (wie ich) gehören auf die Straße und nicht auf enge Radwege, da kommen wir schneller voran und bereiten die autofahrende Bevölkerung auf den steigenden Anteil des Radverkehrs vor,
  • keine Radwege unter zwei Meter,
  • und noch einige andere Maßnahmen (Rechtsvorrang, große Teile der Ampeln abschaffen,…)
Wir arbeiten an all diesen Sachen. Durch rot-grün in Wien ist da vieles in Bewegung gekommen. Aber bis die Schandtaten der letzten Jahrzehnte ausgebügelt sind werden wohl noch einige Legislaturperioden verziehen. Bis dahin heißt es dran bleiben, Legitimation ausbauen und hoffen, dass es morgen nicht mich erwischt.
Gute Nacht. ;-)

Arbeitsprotokoll Oktober 2011

Posted by on Dienstag, 1 November, 2011

Entsprechend meiner Ankündigung veröffentliche ich ab nun monatlich meine Arbeitsbillanz als Bezirksrat. Alle relevanten Infos zu diesem Projekt sind im Ursprungspost nachzulesen.

Arbeitszeit Oktober 2011 – Gesamt: 49 Stunden, 55 Minuten und 36 Sekunden.
Arbeitszeit Oktober 2011 – Woche: etwa 11,7 Stunden pro Woche
Arbeitszeit Oktober 2011 – Tag: 1,61 Stunden pro Tag
Lohn Oktober 2011 – mit Parteisteuer: 253,41 Euro
Stundenlohn Oktober 2011 – mit Parteisteuer: 5,07 Euro pro Stunde
Lohn Oktober 2011 – ohne Parteisteuer: 383,41 Euro
Stundenlohn Oktober 2011 – ohne Parteisteuer: 7,68 Euro pro Stunde

Das Arbeitsprotokoll Bezirksrat 2011-10 als Download oder im Folgenden als Tabelle

ProjectTaskDateStartEndDurationComment
Bezirksrat 2011/10Veranstaltung2011-10-012011-10-01 10:00:002011-10-01 13:00:0003:00:00Radrettung
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-042011-10-04 08:15:002011-10-04 08:30:0000:15:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Recherche2011-10-042011-10-04 08:30:002011-10-04 08:50:0000:20:00Vorbereitung Roundtable Netzpolitik
Bezirksrat 2011/10Sitzungen - Extern2011-10-042011-10-04 09:00:002011-10-04 10:45:0001:45:00Währung Miteinander
Bezirksrat 2011/10Sitzungen - Intern2011-10-042011-10-04 19:00:002011-10-04 22:00:0003:00:00Roundtable Netzpolitik mit Albert Steinhauser zum Thema Netzneutralität
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-042011-10-04 22:50:002011-10-04 23:10:0000:20:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-102011-10-10 10:00:002011-10-10 10:30:0000:30:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-112011-10-11 13:00:002011-10-11 14:30:0001:30:00Kommunikation Tarifreform
Bezirksrat 2011/10Recherche2011-10-112011-10-11 15:00:002011-10-11 15:30:3600:30:36Recherche Tempo 30 Zone
Bezirksrat 2011/10Sitzungen - Intern2011-10-112011-10-11 18:00:002011-10-11 21:15:0003:15:00Verkehrsverantwortlichentreffen
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-112011-10-11 23:00:002011-10-11 23:15:0000:15:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-122011-10-12 20:00:002011-10-12 20:15:0000:15:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-132011-10-13 00:00:002011-10-13 00:45:0000:45:00Blogartikel BV18 Sitzung 09/11
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-132011-10-13 07:40:002011-10-13 07:50:0000:10:00Beantwortung BürgerInnen eMail
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-132011-10-13 08:00:002011-10-13 08:15:0000:15:00Internes Forum, Kommunikation T30 Währing
Bezirksrat 2011/10Recherche2011-10-132011-10-13 16:00:002011-10-13 16:10:0000:10:00Lokalaugenschein Stiege Schrottenbachgasse
Bezirksrat 2011/10Recherche2011-10-132011-10-13 16:20:002011-10-13 18:00:0001:40:00Lokalaugenschein Skateranlage Währingerpark
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-142011-10-14 09:00:002011-10-14 09:45:0000:45:00Recherche StVO / eMail
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-142011-10-14 09:50:002011-10-14 10:00:0000:10:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-142011-10-14 10:00:002011-10-14 15:00:0005:00:00Blogartikel Tarifreform
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-142011-10-14 15:00:002011-10-14 15:30:0000:30:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Veranstaltung2011-10-142011-10-14 16:00:002011-10-14 20:00:0004:00:00Grüne Mobilität - Wie wollen wir mobil sein?
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-162011-10-16 12:00:002011-10-16 13:00:0001:00:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Sitzungen - Intern2011-10-182011-10-18 18:30:002011-10-18 21:00:0002:30:00Perspektiven Grüner Verkehrspolitik
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-192011-10-19 11:00:002011-10-19 11:30:0000:30:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-202011-10-20 07:45:002011-10-20 09:30:0001:45:00Blogartikel Vermögenssteuer
Bezirksrat 2011/10Sitzungen - Intern2011-10-202011-10-20 18:00:002011-10-20 22:20:0004:20:00Bezirksgruppensitzung
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-212011-10-21 15:00:002011-10-21 15:15:0000:15:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Recherche2011-10-212011-10-21 15:00:002011-10-21 15:30:0000:30:00Ordnung eigener Tasks und Verantwortlichkeiten
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-212011-10-21 15:15:002011-10-21 15:25:0000:10:00Beantwortung Anfrage Mail
Bezirksrat 2011/10Veranstaltung2011-10-212011-10-21 16:00:002011-10-21 20:00:0004:00:00Grüne Mobilität - die Rolle und Verantwortung der Akteure
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-212011-10-21 20:00:002011-10-21 20:30:0000:30:00Beantwortung Blogkommentare
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Extern2011-10-212011-10-21 20:30:002011-10-21 22:40:0002:10:00Diskussionsrunde Verkehrspolitik
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-272011-10-27 10:00:002011-10-27 10:15:0000:15:00Internes Forum
Bezirksrat 2011/10Recherche2011-10-292011-10-29 14:00:002011-10-29 15:00:0001:00:00Befragung Tempo 30 in Gersthof
Bezirksrat 2011/10Kommunikation - Intern2011-10-302011-10-30 17:30:002011-10-30 20:10:0002:40:00Internes Forum, Interne Mails (Radkonzept, Struktur BG18, Verkehrskommission, Jugendtreffen)

Fragen unserer Zeit

Posted by on Mittwoch, 26 Oktober, 2011

Dieser Artikel ist der zweite Eintrag in meinem Lerntagebuchs zur Vorlesungsreihe “Nachhaltigkeit – Schlagwort oder zukunftsträchtiges Konzept oder” zum Block 1 – ökologische Nachhaltigkeit.

Was sind die größten Probleme unserer Zeit, welche Aspekte umfassen sie und gibt es Lösungen?

 

  1. Wachstum
  2. Verteilung
  3. Ressourcenknappheit
  4. Bildung schafft Zukunft
  5. politische Entscheidungsfindung

Wachstum. Das Wachstumsparadigma ist der elementarste Glaubenssatz unserer Zeit: Nur durch (exponentielles) Wachstum lässt sich Wohlstand schaffen, sichern und ausbauen. Diese Grundannahme zwingt uns immer schneller zu laufen und immer mehr zu konsumieren. Ob wir wollen oder nicht. Ob uns das glücklich macht oder nicht. Andere Aspekte der Wachstumsproblematik sind Fragen des Finanzsystems (Zinseszins), Weltbevölkerung (->Verteilung) und Rohstoffnachfrage (-> Ressourcenknappheit).

Verteilung. In Masse der Bevölkerung der (westlichen) Industrienationen macht sich die Angst breit. Die “working poor” beginnen trotz Vollzeitarbeit zu hungern, der “Mittelstand” kämpft mit dem sozialen wie wirtschaftlichen Abstieg während die Eliten es sich Richten können. Die Vermögensverteilung spitzt sich weiter zu. Die sozialen Spannungen steigen. Durch die Digitale Revolution wird die globale Ungerechtigkeit der Verteilung des vorhandenen Kuchen auch für die bisher “ärmeren Länder” in seinem vollen Ausmaß ersichtlich (-> Informationsasymmetrie). Während Europa mit sich selbst beschäftigt ist kauft China ganz Afrika auf (-> Ressourcenknappheit).

Ressourcenknappheit. Die fortschreitende Industrialisierung der Schwellenländer zeigt erst das wahre Ausmaß des Ressourcenhungers von Ländern wie Indien, Brasilien oder China mit -> Wachstumsraten im zweistelligen Prozentpunktebereich. Peak Oil, eigentlich peak everything lässt erahnen vor welchen sozialen Umwälzungen (-> Verteilung) und -> politischen Grundsatzentscheidungen wir im kommenden Jahrhundert stehen werden.

Bildung schafft Zukunft. Welche Bildung wollen wir? Junge Menschen werden zu Konkurrenz statt zur Kolaboration erzogen. Im Westen verbringen sie den Großteil ihrer Kindheit vorm Fernseher oder hinter Gittern (Zäunen). Selbsterfahrung ist kaum möglich. In der Schule werden sie mit Frontalunterricht gelangweilt bis ihre Neugierde, ihr Wissensdurst und ihre Kreativität auf ein Minimum reduziert wurde währen in den ärmeren Ländern gar keine Bildungseinrichtungen existieren.

Politische Entscheidungsfindung. Angesichts der Vielzahl an gesellschaftlichen Umwälzungen (-> Verteiung, ->Ressourcenknappheit, -> Wachstum) aber auch deren weitreichenden Folgen (Klimawandel) wird die internationale Zusammenarbeit der globalen Player immer wichtiger. Aber vor allem den politischen Akteuren sind die Hände gebunden – neben einer systemimmanenten Ideenlosigkeit ist der Druck Partikularinteressen über das Gemeinwohl (-> Verteilungsfragen) zu stellen unzumutbar.

Meiner Meinung nach sind dies die großen Problemkomplexe – mit ihrer Vielzahl an Facetten – die es in diesem Jahrhundert zu lösen gilt. Aber die Zeit drängt. Einige Lösungsansätze zur Diskussion in den Raum geworfen:

  • Lebensqualität von Konsum entkopplen
  • Weg mit dem Wachstumsparadigma
  • Kompetenzen nach unten (Region) und nach oben (Transnational) abgeben